Posted in: Psychologie 11. April 2013 15:10 Weiter lesen →

Eine Hand aus dem Nichts

Bild zeigt Blick über die Schulter eines Mannes, ein Messer schwenkend, vor einer jungen Frau, deren rechter Arm hinter einer Sichtblende liegt Wenn es um die Grenzen des eigenen Körpers geht, ist das Gehirn ausgesprochen flexibel. Das zeigen Versuche schwedischer Forscher. Mit einem verblüffend einfachen Trick brachten sie die Teilnehmer dazu, einen leeren Raumbereich als eigenen Arm zu adoptieren – inklusive Schweißausbrüchen bei einer Bedrohung des unsichtbaren Körperglieds.

Bild: Ola Danielsson, Karolinska Institutet

Ein ähnlicher Effekt lasse sich zwar mit einer lebensecht gestalteten Gummihand auslösen, nicht jedoch mit Objekten wie einem schlichten Stück Holz, erläutert Arvid Guterstam vom Stockholmer Karolinska-Institut. „Umso mehr hat es uns überrascht, dass das Gehirn eine unsichtbare Hand als Teil des Körpers akzeptiert“, so der Neurowissenschaftler.

Guterstam und Kollegen führten ihre Versuche mit insgesamt 234 Männern und Frauen durch. Die Forscher streichelten die hinter einer Sichtblende verborgene rechte Hand des jeweiligen Teilnehmers mit einem Pinsel. Synchron dazu vollführten sie mit einem zweiten Pinsel Streichelbewegungen in der Luft vor dem Teilnehmer. Prompt machte sich dessen Gehirn daran, die verwirrenden Wahrnehmungen zusammenzuführen: „In weniger als einer Minute weiteten die meisten Teilnehmer ihren Tastsinn auf den leeren Raumbereich aus, in dem sie den streichelnden Pinsel sahen, und fühlten dort eine unsichtbare Hand“, so Guterstam.

Video: Ola Danielsson, Karolinska Institutet

Diese Erweiterung des Körperschemas war nicht allein in Form einer verstärkten Aktivität im prämotorischen Kortex des Großhirns sowie in der Kleinhirnrinde messbar, berichten die Forscher im „Journal of Cognitive Neuroscience“. Langte der Experimentator plötzlich nach einem Messer und stach damit auf die Phantomhand ein, sank der elektrische Hautwiderstand der Teilnehmer als Zeichen einer erhöhten Schweißproduktion. Und sollten die Teilnehmer nach längeren Streicheleinheiten mit geschlossenen Augen zügig auf ihre rechte Hand zeigen, so entschieden sie sich häufig für die eingebildete Hand.

„In der Summe zeigen unsere Resultate, dass das Sehen einer körperhaften Hand auf bemerkenswerte Weise unwichtig ist für das Erleben des körperlichen Selbst“, so Guterstam weiter. In dieser Hinsicht seien die körperlich völlig intakten Versuchsteilnehmer mit Personen vergleichbar, die Schmerzen in einem amputierten Glied spürten. Der im Labor gut reproduzierbare Effekt könne daher vielleicht neue Ansätze für die Linderung solcher Phantomschmerzen eröffnen.

Forschung: Arvid Guterstam, Giovanni Gentile und H. Henrik Ehrsson, Institutionen för neurovetenskap, Karolinska Institutet, Stockholm

Veröffentlichung Journal of Cognitive Neuroscience, 11. April 2013, DOI 10.1162/jocn_a_00393

WWW:
Ehrsson Lab, Karolinska Institutet
Body Image

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