Posted in: Biologie, Genetik 23. Januar 2013 19:00 Weiter lesen →

Zähmung durch den Magen

Foto eines kurzhaarigen Terriers mit braun-weißem Fell, aufmerksam zu seinem nicht sichtbaren Besitzer aufschauend Domestikation ist auch eine Frage der Verdauung – zumindest im Fall des Hundes, haben schwedische Forscher ermittelt. Unter jenen Genen, die während der Entwicklung vom Wolf zum Hund einem starken Selektionsdruck ausgesetzt waren, finden sich demnach gleich mehrere, die eine Rolle bei der Verwertung stärkehaltiger Nahrung spielen.

Foto: Elf at the English language Wikipedia (Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Als Folge können Hunde die in Getreide und anderer pflanzlicher Kost enthaltene Stärke besser verdauen als ihre wilden Verwandten, berichten die Forscher um Erik Axelsson und Kerstin Lindblad-Toh von der Universität Uppsala im Magazin „Nature“. Möglicherweise sei also ein Wechsel der ökologischen Nische ein treibender Faktor bei der Domestikation des Hundes gewesen: weg von der Jagd und hin zum „Durchstöbern von Abfallhaufen der immer häufiger werdenden menschlichen Siedlungen in der Frühzeit der Landwirtschaft“.

Hunde sind nicht nur weniger wild als Wölfe und können Menschen besser lesen, sie sind typischerweise auch kleiner und weniger kräftig. Auf der Suche nach den zugrunde liegenden Veränderungen im Erbgut sequenzierten Axelsson, Lindblad-Toh und Kollegen das Genom von 60 Hunden verschiedener Rassen und von 12 Wölfen aus Eurasien und Nordamerika. Insgesamt 36 Erbgutregionen mit 122 bekannten Genen weisen demnach Anzeichen einer starken Selektion auf. Alle sind beim Hund deutlich weniger variantenreich oder weisen gänzlich andere Varianten auf als beim Wolf.

Für 19 Gene in diesen Regionen ist eine Funktion bei der Entwicklung des Nervensystems und bei der Verschaltung von Nervenzellen nachgewiesen – entsprechend den Unterschieden in Verhalten und geistiger Leistungsfähigkeit bei Wolf und Hund. Zwei der identifizierten Gene beeinflussen dagegen die Bindung des Spermiums an die Eizelle. Dieser Umstand spreche für eine Verschärfung der Spermienkonkurrenz im Zuge der Domestikation, folgern die Forscher.

Drei Gene mit einem Selektionsstempel sind an der schrittweisen Zerlegung von Stärke in Traubenzucker und an dessen Aufnahme durch die Darmwand beteiligt. Tatsächlich gehen die bei praktisch allen Hunden, jedoch keinem einzigen Wolf vorkommenden Varianten mit einer verstärkten Bildung der jeweiligen Enzyme und einer rascheren Verwertung von Stärke einher, ergab die Analyse von Gewebe- und Blutproben.

Ganz ähnliche Veränderungen bei der Stärkeverdauung hätten sich mit dem Beginn des Ackerbaus auch beim Menschen eingestellt, schreiben Axelsson, Lindblad-Toh und Kollegen. „Unsere Resultate stehen daher im Einklang mit der Hypothese, dass das Aufkommen der Landwirtschaft ein Katalysator für die Domestikation des Hundes war.“

Wie vor diesem Hintergrund einzelne Fossilien zumindest hundeähnlicher Wölfe zu deuten sind, die mehrere Jahrtausende vor dem Beginn der neolithischen Revolution lebten, ist derzeit unklar. Möglicherweise gehen diese Funde auf Domestikationsversuche früher Jäger-und-Sammler-Gesellschaften zurück, denen aber kein dauerhafter Erfolg beschieden war.

Forschung: Erik Axelsson, Abhirami Ratnakumar und Kerstin Lindblad-Toh, Institutionen för medicinsk biokemi och mikrobiologi, Uppsala universitet, und Broad Institute, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge; und andere

Veröffentlichung Nature, DOI 10.1038/nature11837

WWW:
Science for Life Lab, Universität Uppsala
Dog Genome Group, Kerstin Lindblad-Toh
Origin of the Domestic Dog
Animal Genomics and Origin of Domestic Dogs
A 33,000-Year-Old Incipient Dog …

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Entspannt zur Hunde-Vielfalt
Wenige Gene machen zahm

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