Posted in: Biologie, Kultur 21. November 2012 01:00 Weiter lesen →

Fossilien in Holz

Ausschnitt aus einem Holzschnitt zeigt dunkelbraun auf beige einen reich gekleideten Mann, in seiner Umgebung zahlreiche helle Flecken in dunklen Flächen Versteinerte Fußspuren und Bauten verraten, welche Tiere vor längst vergangenen Zeiten in einem Gebiet gelebt haben. Auf ganz ähnliche Weise lassen sich auch mittelalterliche Holzschnitte lesen, hat ein amerikanischer Biologe ermittelt. Abdrücke von Bohrlöchern verraten demnach, welcher Holzwurm sich einst durch den Druckstock gearbeitet hat.

Ausschnitt aus dem Holzschnitt „De rijke man en de arme Lazarus“ von Cornelis Anthonisz (1541). Bild: Rijksmuseum, Amsterdam

Da Ort und Jahr des Drucks in den meisten Fällen gut bekannt sind, lässt sich auf diese Weise die historische Verbreitung einzelner Holzwurmarten präzise rekonstruieren, berichtet Blair Hedges von der Pennsylvania State University im Fachblatt „Biology Letters“. Die Resultate bestätigen frühere Vermutungen, denen zufolge nördliches und südliches Europa ursprünglich von verschiedenen Holzwürmern besiedelt waren, die heute jedoch Seite an Seite vorkommen.

Holzschnitte werden in Europa seit dem frühen 15. Jahrhundert gedruckt. Dabei wird ein hölzerner Stempel mit dem gewünschten Motiv, der Druckstock, mit Farbe überzogen und gegen das Papier gepresst. Schon allein aus Kostengründen wurden die Druckstöcke über viele Jahre immer wieder verwendet – selbst solche, die Ausfluglöcher von zwischenzeitlich im Holz herangereiften Nagekäfern aufwiesen. Im Druck erscheinen diese Löcher als farblose, helle Flecken.

Europakarte blau bzw. rot eingefärbt nördlich bzw. südlich einer Linie von der französischen Atlantikküste über einen Schlenker nach Paris gen Osten Grafik: S. Blair Hedges

Hedges fand und vermaß fast 3.300 solcher Flecken in 473 Holzschnitten aus den Jahren 1462 bis 1899. Über den gesamten Zeitraum zeigte sich eine deutliche Zweiteilung: Drucke aus Städten, die nördlich einer Linie durch Frankreich, Südbaden und Österreich lagen, wiesen kreisrunde Löcher mit einem Durchmesser von etwa 1,4 Millimeter auf. Südlich dieser Linie waren die Löcher dagegen im Schnitt 2,3 Millimeter groß, mitunter fanden sich sogar Abdrücke längerer Fraßgänge im Holz.

Hedges schreibt die verschiedenen Schadensbilder dem Gemeinen Nagekäfer (Anobium punctatum) und dem Südlichen Nagekäfer (Oligomerus ptilinoides) zu. Beide Spezies kommen heute in großen Teilen Europas nebeneinander vor. Ursprünglich scheinen ihre Verbreitungsgebiete jedoch klar voneinander getrennt gewesen zu sein. Erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts hat der nördliche Gemeine Nagekäfer den trockenen und warmen Süden erobert, während sein südliches Pendant sich allmählich nach Norden ausbreitete. Die Gründe für diese Entwicklung vermutet Hedges im zunehmenden Warentransport über größere Distanzen und im günstiger werdenden Raumklima der Gebäude.

Forschung: S. Blair Hedges, Department of Biology, Pennsylvania State University, University Park

Veröffentlichung Royal Society Biology Letters, 21. November 2012, DOI 10.1098/rsbl.2012.0926

WWW:
Hedges Lab
Von Holzschnitten und Holzstichen
Holzwurm & Co.
Pest Insects of Our Cultural Heritage

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