Posted in: Medizin, Raumfahrt 26. Oktober 2012 20:10 Weiter lesen →

Träge Raumfahrer-Gefäße

Nahaufnahme eines Mannes, der eine vor ihm schwebende Wasserkugel betrachtet, darin ebenfalls sein auf den Kopf gestelltes Gesicht  sichtbar Wenn Astronauten aus der Erdumlaufbahn zurückkehren, haben sie häufig mit einer ungewöhnlichen Trägheit des Herz-Kreislauf-Systems zu kämpfen. Einen Grund dafür haben amerikanische Mediziner gefunden. In der Schwerelosigkeit verlernen die Blutgefäße demnach rasch, sich bei Bedarf zusammenzuziehen und so den Blutdruck zu stabilisieren.

Foto: NASA

Die Folge sind Schwindel und im Extremfall eine Ohnmacht beim Aufstehen – die gleichen Symptome, die viele Menschen mitunter erleben, wenn sie sich „zu schnell“ aus der sitzenden oder liegenden Position erheben. Für Astronauten stelle das jähe Absacken des Blutdrucks in den ersten Tagen nach der Landung allerdings ein ungleich hartnäckigeres Problem dar, erklärt Michael Delp von der University of Florida.

Delp und Kollegen studierten das Phänomen anhand von Mäusen, die auf verschiedenen Spaceshuttle-Missionen mitgeflogen waren. Wie die Forscher im „FASEB Journal“ berichten, litten die Nager nach der Rückkehr ebenfalls an einer orthostatischen Hypotonie. Zudem hatten verschiedene Wirkstoffe wie Noradrenalin und Koffein, die die Kontraktion der Gefäßmuskulatur und damit die Verengung von Arterien und Venen auslösen, bei ihnen einen schwächeren Effekt als bei Artgenossen, die am Erdboden geblieben waren. Erst vier Tage nach der Landung war die normale Reaktionsfähigkeit der Blutgefäße wiederhergestellt.

Der vermutliche Grund für die vorübergehende Trägheit: Unmittelbar nach dem Raumflug bildeten die Zellen in den Blutgefäßwänden geringere Mengen des Proteins Ryanodin-Rezeptor-3. Das Protein beschleunigt und verstärkt die Kontraktion von Muskelzellen. Unter den Bedingungen in der Erdumlaufbahn, wo das Blut nicht gegen die Schwerkraft in das Gehirn gepumpt werden muss, scheint es in der Gefäßmuskulatur entbehrlich zu sein.

„Der Aufenthalt in der Schwerelosigkeit bringt für Astronauten eine ganze Reihe medizinischer Probleme mit sich“, so Delp. „Neben der orthostatischen Hypotonie zählen dazu etwa der Verlust von Knochenmasse und, wie erst seit einiger Zeit bekannt ist, auch eine Beeinträchtigung des Sehvermögens.“ Die neuen Resultate könnten helfen, zumindest das Problem des absackenden Blutdrucks durch Medikamente oder Training in den Griff zu bekommen – bei Raumfahrern ebenso wie bei Senioren, bei denen der Schwindel leicht einen Sturz nach sich ziehen könne.

Forschung: Bradley J. Behnke und Michael D. Delp, Department of Applied Physiology and Kinesiology und Center for Exercise Science, University of Florida, Gainesville; und andere

Veröffentlichung FASEB Journal, DOI 10.1096/fj.12-218503 fj.12-218503

WWW:
Applied Physiology and Kinesiology, University of Florida
Herz-Kreislauf-System
Human Physiology in Space
Ca2+ Signals

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Wie Blutgefäße entspannen
Vorausschauende Kreislaufsteuerung

Posted in: Medizin, Raumfahrt
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (3 Bewertungen, im Schnitt 4,67 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.