Posted in: Biologie 22. Oktober 2012 18:00 Weiter lesen →

Dung kühlt Pillendreher

Makroaufnahme zeigt robusten, schwarzen Käfer mit grün umhüllten Vorderbein-Fußgliedern auf dunkelbrauner Dungkugel Wenn einem Pillendreher der Boden unter den Füßen zu heiß wird, klettert er zur Abkühlung auf seine Dungkugel. Das haben schwedische und südafrikanische Biologen entdeckt. Die Kugel dient demnach nicht nur als Kinderstube für den Käfernachwuchs und als Ausguck, sondern auch als mobile Klimaanlage im heißen Wüstensand.

Pillendreher in isolierenden Silikonschuhen klettern seltener auf ihre Dungkugel. Foto: University of the Witwatersrand

Die feuchte Dungkugel wird durch Verdunstungskühlung auf einer Temperatur von gut 30 Grad Celsius gehalten, während der Sand durchaus 60 Grad oder mehr erreichen kann. „Immer dann, wenn ihre Vorderbeine und ihr Kopf sich zu stark erwärmen, klettern die Käfer auf die feuchte Kugel“, erklärt Jochen Smolka von der Universität Lund. Von keinem anderen Insekt sei ein derartiges Verhalten bekannt.

Käfer aus der Gattung Scarabaeus formen Kugeln aus dem Dung großer Pflanzenfresser, die sie gewissermaßen im Handstand wegrollen und dann als Kinderstube für ihren Nachwuchs vergraben. Frühere Untersuchungen der Forscher aus Lund und Johannesburg hatten gezeigt, dass die Pillendreher ihr Tun gelegentlich unterbrechen, auf die Kugel klettern und erst nach einer vollständigen Drehung um die eigene Achse die Arbeit fortsetzen. Offenbar dienen diese Unterbrechungen nicht nur der Orientierung, berichten Smolka und Kollegen im Fachblatt „Current Biology“.

Die Käfer pausieren umso häufiger, je heißer der Untergrund ist. Bei Temperaturen um 50 Grad Celsius unterbrechen die Tiere das Wegrollen der Kugel im Schnitt alle 2,2 Meter. Ist der Sand 57 Grad heiß, pausieren sie alle 0,3 Meter, und bei Temperaturen von 60 Grad oder mehr verbringen sie den Großteil der Zeit auf der Kugel. Infrarotaufnahmen belegten, dass sich die stark erhitzten Käferbeine während der Pausen binnen Sekunden abkühlten.

Versuchsweise umhüllten die Forscher die Vorderbeine einiger Käfer vorübergehend mit einer wärmeisolierenden Silikonmasse. Tatsächlich kletterten die Tiere nun deutlich seltener auf ihre Dungkugel. Den gleichen Effekt erzielten die Forscher, indem sie den Käfern stark gekühlte Kugeln zum Rollen gaben. Laut Smolka unterstreichen diese Resultate die „verblüffende Fähigkeit der Evolution, vorhandene Strukturen für neue Zwecke zu nutzen – in diesem Fall eine Nahrungsressource für die Temperaturregulierung“.

Forschung: Jochen Smolka, Emily Baird, Marcus J. Byrne, Basil el Jundi, Eric J. Warrant und Marie Dacke, Biologiska institutionen, Lunds universitet, und School of Animal, Plant and Environmental Sciences, University of the Witwatersrand, Johannesburg

Veröffentlichung Current Biology, Vol. 22(20), R863–R864, DOI 10.1016/j.cub.2012.08.057

WWW:
Lund Vision Group
Animal, Plant and Environmental Sciences, University of the Witwatersrand
Dung Beetle Background

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Wie Pillendreher den Weg finden

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