Schwertwale sind Muttersöhnchen
Schwertwale sind stark von ihrer Mutter abhängig, auch wenn sie selbst schon längst erwachsen sind. Das haben englische Biologen entdeckt. Vor allem bei erwachsenen Männchen steigt die Sterblichkeitsrate nach dem Tod der Mutter drastisch. Das Phänomen könnte vielleicht erklären, warum Schwertwalkühe – ähnlich menschlichen Frauen – nach den Wechseljahren einen großen Teil ihres Lebens noch vor sich haben.
Foto: David Ellifrit, Centre for Whale Research
„Unsere Analyse zeigt, dass männliche Schwertwale ziemliche Muttersöhnchen sind und ohne mütterliche Hilfe nur schlecht zurechtkommen“, formuliert Daniel Franks von der Universität York. Besonders langlebige Mütter könnten somit auch nach der Menopause noch die Weitergabe ihrer Gene fördern, vermuten der Forscher und seine Kollegen im Magazin „Science“.
Weibliche Schwertwale (Orcinus orca) können im Extremfall mehr als 80 Jahre alt werden, stellen jedoch um das 40. Lebensjahr herum die Fortpflanzung ein. Nur beim Menschen ist der Anteil der nicht reproduktiven Phase an der Lebensdauer noch höher. Möglicherweise ist diese Eigenheit kein bloßer Nebeneffekt einer hohen Lebenserwartung: Analysen von Bevölkerungsregistern haben ergeben, dass sich bei Frauen jedes zusätzliche Lebensjahrzehnt jenseits der Wechseljahre positiv auf die Zahl der Enkel auswirkt.
Die Gruppe um Franks und seine Kollegin Emma Foster von der Universität Exeter studierte nun Daten über zwei Gruppen von Schwertwalen, die im Pazifik vor der nordamerikanischen Küste leben. Seit dem Jahr 1974 werden die Tiere regelmäßig fotografiert und lassen sich anhand ihrer schwarz-weißen Zeichnung und ihrer Flossenform zuverlässig identifizieren. Über die Jahre kamen so Daten über die Verwandtschaftsverhältnisse von 589 Individuen zusammen, von denen 297 bis heute gestorben sind.
Bei der Analyse dieser Daten stießen die Forscher auf einen verblüffenden Effekt. Stirbt die Mutter eines männlichen Tiers, so vervielfacht sich dessen Sterbewahrscheinlichkeit. Besonders hart trifft es ältere Männchen jenseits der 30, deren Mütter die Menopause bereits hinter sich haben: So steigt das jährliche Sterberisiko eines 35 Jahre alten Männchens nach dem Tod der Mutter von knapp 2 Prozent auf über 20 Prozent. Bei jüngeren Söhnen ist der Effekt deutlich weniger stark ausgeprägt und bei jüngeren Töchtern ist er gar nicht nachweisbar.
Beim Menschen werde der günstige Einfluss älterer Mütter dadurch erklärt, dass sich diese um ihre Enkel kümmern und so deren Überleben fördern könnten, erklärt Fosters Doktorvater Darren Croft. Daher werde das Phänomen auch als Großmutter-Effekt bezeichnet. Bei den Schwertwalen treffe diese Erklärung aber wohl nicht zu, so der Forscher. „Offenbar kümmern sich weibliche Schwertwale ein Leben lang um ihre eigenen Nachkommen, insbesondere um ihre erwachsenen Söhne.“
Forschung: Emma A. Foster und Darren P. Croft, Centre for Research in Animal Behaviour, University of Exeter, Exeter, und Center for Whale Research, Friday Harbor; Daniel W. Franks, Department of Biology, University of York; und andere
Veröffentlichung Science, Vol. 337, 14. September 2012, p 1313, DOI 10.1126/science.1224198
WWW:
Centre for Research in Animal Behaviour, University of Exeter
Center for Whale Research
Evolution’s Secret Weapon: Grandma
Schwertwal
Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Warum Großeltern Lieblingsenkel haben
Großmutter weiß es am besten



(4 Bewertungen, im Schnitt 4,75 von 5)
Empfehlen Sie den Text weiter!
Drucken



