Posted in: Anthropologie, Psychologie 15. August 2012 01:01 Weiter lesen →

Ungerechtigkeit lässt Menschenaffen kalt

Portraitfoto eines Schimpansen mit dunklem Fell an Kopf und Armen, hellerer Brust und weißem Bart Der Sinn für Fairness scheint eine recht junge Errungenschaft der Evolution zu sein. Diesen Schluss legen Experimente Heidelberger und Leipziger Forscher nahe. Sowohl Schimpansen als auch Bonobos, die beiden nächsten Verwandten des Menschen, nehmen demnach jedes noch so unfaire Angebot an, solange sie überhaupt einen Nutzen davon haben.

Foto: Thomas Lersch via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Dieses Verhalten stehe im scharfen Gegensatz zu dem menschlicher Akteure, schreiben die Forscher um Keith Jensen vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im Fachblatt „Biology Letters“. Schon Kinder hätten ein ausgeprägtes Gespür dafür, ob sie von ihrem Gegenüber fair oder unfair behandelt würden. Möglicherweise ist dieser Sinn also erst nach der Trennung der Entwicklungslinien vor etwa vier Millionen Jahren entstanden.

Bereits früher hatten Jensen und Kollegen beobachtet, dass sich Schimpansen rein ökonomisch verhalten und jeden noch so ungleichmäßig verteilten Gewinn einstreichen. Die Verteilung des Gewinns – in Form süßer Rosinen – war bei diesen Versuchen jedoch fest vorgegeben. Nun testeten die Psychologen und Anthropologen das Verhalten von Schimpansen und Bonobos mit einem ausgeklügelten Versuchsaufbau, bei dem die Tiere selbst die Gewinnverteilung manipulieren konnten.

Bei den Tests lagen Rosinen in zwei gleich großen Portionen auf einer beweglichen Lade, an der zwei Affen saßen. Einer der Affen konnte nun einige oder sogar alle Rosinen seiner Portion zusätzlich zuschlagen, indem er an einem Papierstreifen zog – eine Möglichkeit, von der reichlich Gebrauch gemacht wurde.

Beide Portionen kamen aber erst in Reichweite ihrer Empfänger, wenn beide Affen an einem Seil bzw. an einem Stab zogen und so die Lade zu sich heran bewegten. Das geschah selbst dann, wenn die Rosinen im Verhältnis 80 zu 20 verteilt waren. Lediglich dann, wenn der zweite Affe ohnehin leer ausgegangen wäre, verweigerte er in fast 60 Prozent der Fälle die Kooperation.

Forschung: Ingrid Kaiser, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg; Keith Jensen, Josep Call und Michael Tomasello, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig, und Biological and Experimental Psychology, Queen Mary, University of London

Veröffentlichung Biology Letters, DOI 10.1098/rsbl.2012.0519

WWW:
Entwicklungspsychologie und Biologische Psychologie, Uni Heidelberg
Vergleichende und Entwicklungspsychologie, MPI für evolutionäre Anthropologie
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2 Kommentare zu "Ungerechtigkeit lässt Menschenaffen kalt"

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  1. Christiane Grunenberg sagt:

    Mich würde jetzt interessieren, welches Versuchsergebnis man mit menschlichen Probanden erzielte …

  2. Dysan sagt:

    Hehe, würde mich auch sehr interessieren.