Posted in: Biologie 11. April 2012 19:00 0 Kommentare Weiter lesen →

Kein Schnabelkompass bei Tauben

Foto zeigt weiße Tauben auf der Stange Wie viele Tiere besitzen auch Tauben ein gutes Gespür für Magnetfelder. Der Magnetsinn der Vögel funktioniert jedoch anders als bislang angenommen, sind österreichische und englische Forscher nach detaillierten Untersuchungen überzeugt. Bei den vermeintlichen Kompass-Nervenzellen im Schnabel handelt es sich demnach um Fresszellen des Immunsystems.

Foto: Keays et al.

Die Eisenmineralien in diesen Zellen, bislang als Magnetfeldsensoren gedeutet, dürften demnach eher auf den Abbau des Blutfarbstoffs Hämoglobin zurückgehen, schreiben die Wissenschaftler um David Keays vom Wiener Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie im Magazin „Nature“. „Das Rätsel um den Magnetsinn der Tiere ist damit wieder knifflig geworden“, so Keays.

Tauben besitzen vermutlich einen doppelten Magnetsinn. Die Richtung, in der die Feldlinien des Erdmagnetfelds verlaufen, scheinen sie über die Augen wahrzunehmen. Informationen über die Stärke des Magnetfelds scheinen dagegen durch den großen Drillingsnerv an das Gehirn weitergeleitet zu werden. Tatsächlich waren im Oberschnabel, der über diesen Nerv versorgt wird, innerzelluläre Körnchen aus Eisenmineralien entdeckt worden. Mehrere Studien hatten den Verdacht bekräftigt, dass diese Strukturen als Magnetfeldsensor fungieren.

Keays und Kollegen schnitten den Oberschnabel mehrerer Haustauben in hauchdünne Scheiben und studierten diese unter dem Mikroskop. Zwar fanden sie Eisenkörnchen in der verhornten Haut des Schnabels, in den Federfollikeln und auch in der Nasenhöhle. Anzahl und Verteilung dieser Körnchen variierten jedoch von Taube zu Taube extrem stark, sodass ein Zusammenhang mit einer Sinnesleistung wenig plausibel erschien. Und schließlich banden die Zellen mit den Eisenkörnchen keine Antikörper gegen Nervenzellproteine, dafür jedoch Antikörper gegen einen typischen Proteinkomplex (MHC II) von Abwehrzellen.

Die Forscher vermuten daher, dass es sich bei den vermeintlichen Kompasszellen um Fresszellen handelt, die im Gewebe patrouillieren und Eindringlinge sowie Zelltrümmer beseitigen. Tatsächlich fanden sich die gleichen Eisenkörnchen auch in Hautproben von Bauch, Rücken und Flügeln der Tauben. Die Frage nach dem Magnetsensor der Vögel sei damit wieder völlig offen, so Keays. „Wir können derzeit nicht sagen, wie groß das Puzzle ist und wie am Ende das Bild aussehen mag. Immerhin haben wir es aber geschafft, einige falsche Teile auszusortieren.“

Forschung: Christoph Daniel Treiber, Marion Claudia Salzer und David Anthony Keays, Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie, Wien; Johannes Riegler und Mark Lythgoe, Centre for Advanced Biomedical Imaging, University College London; und andere

Veröffentlichung Nature, 11. April 2012, DOI 10.1038/nature11046

WWW:
Keays Group, IMP Wien
Centre for Advanced Biomedical Imaging, University College London
Der Magnetsinn

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Tauben navigieren mit links
Dem Schnabel nach
Chemischer Kompass besteht Labortest

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