Posted in: Biologie, Ernährung 12. März 2012 21:00 Weiter lesen →

Raubtiere verlieren ihren süßen Zahn

Foto zeigt Fossa als mit braunem Fell, an eine große schlanke Hauskatze mit ausgeprägter Hundeschnauze erinnernd Je mehr Raubtieren der Sinn nach Fleisch steht, desto eher verlieren sie ihren süßen Zahn. Zu diesem Schluss kommen amerikanische und Schweizer Forscher nach genetischen Untersuchungen und Verhaltenstests. Nicht wenige Verwandte von Hund und Katze können Süßes demnach nicht mehr schmecken. Und wenn sie Beute am Stück verschlingen, scheint ihr Geschmackssinn sogar insgesamt abzustumpfen.

Auch bei Fossas ist eines der für den Süßgeschmack verantwortlichen Gene zum Pseudogen verkommen. Foto: Bertal via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

„Bislang galt der Geschmack für Süßes als fast schon universeller Zug unter den Tieren“, erklärt Gary Beauchamp vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia. „Umso überraschender ist es, dass er im Laufe der Evolution bei so vielen verschiedenen Spezies unabhängig voneinander verloren gegangen ist.“ Offenbar scheine diese Geschmacksmodalität für reine Fleischfresser keine Bedeutung mehr zu haben.

Bereits in den 70er-Jahren war Beauchamp aufgefallen, dass Hauskatzen und einige Großkatzen keine Vorliebe für Zucker bzw. zuckerhaltiges Wasser zeigen. Erst 30 Jahre später fanden der Forscher und seine Arbeitsgruppe eine mögliche Ursache: Bei Katzen weist das Gen Tas1r2 für eines der notwendigen Geschmacksrezeptor-Proteine mehrere Mutationen auf und ist daher nicht mehr funktionstüchtig. Ähnliche Verhältnisse fanden die Forscher nun bei sieben weiteren Vertretern der Raubtier-Ordnung, die nicht zur Familie der Katzen gehören.

Bei ausgesprochenen Fleischfressern wie der Tüpfelhyäne, dem Seehund oder der madagassischen Fossa scheint das Gen Tas1r2 mangels Nutzen ebenfalls zum Pseudogen verkommen zu sein. Bei fünf Spezies wie Waschbär und Brillenbär, die sich nicht ausschließlich von Fleisch oder sogar überwiegend pflanzlich ernähren, ist das Gen dagegen intakt, berichtet die Gruppe in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Entsprechend legten Brillenbären bei Verhaltenstests eine starke Vorliebe für gesüßtes Wasser an den Tag, während asiatische Zwergotter mit ihrem defektem Tas1r2-Gen den Geschmack nicht wahrzunehmen schienen.

Bei manchen Seelöwen sind sogar noch weitere Geschmacksrezeptor-Gene nicht mehr funktionstüchtig, fanden Beauchamp und Kollegen. Diese Tiere verschlingen ihre Beute, ohne sie zu zerkauen. Ganz ähnlich fressen Große Tümmler, und tatsächlich fanden die Forscher auch bei diesen Delfinen eine ganze Reihe defekter Geschmacksrezeptor-Gene. Demnach könnte Großen Tümmlern nicht nur der Sinn für Süßes, sondern auch der für Fleischiges (Umami) und der für Bitteres abgehen.

Forschung: Peihua Juang, Danielle R. Reed und Gary K. Beauchamp, Monell Chemical Senses Center, Philadelphia; Dieter Glaser, Anthropologisches Institut und Museum, Universität Zürich; und andere

Veröffentlichung Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI 10.1073/pnas.1118360109

WWW:
Monell Chemical Senses Center
Anthropologisches Institut und Museum, Uni Zürich
Carnivora
Süßgeschmack

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