Posted in: Paläontologie 22. Februar 2012 06:00 Weiter lesen →

Steingewordener Herdentrieb

Luftbildmosaik zeigt Bündel von Herdenspuren Millionen Jahre alter Rüsseltiere im graubraunen, vollkommen vegetationlosen Untergrund, im schrägen Winkel gekreuzt von einer Einzelspur Durch das Land streifende Elefantenherden boten vor rund 7 Millionen Jahren einen ähnlichen Anblick wie heute. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Forschergruppe nach der Vermessung fossiler Spuren in Abu Dhabi. Die Fußabdrücke stammen von mindestens 13 Tieren, die als Gruppe unterwegs waren, sowie einem großen Einzelgänger.

Fotomosaik: Copyright Bibi et al.

„Wir haben es hier mit einer absolut einzigarten Fundstätte zu tun“, begeistert sich Faysal Bibi von der Universität Poitiers. Die Fußspuren ermöglichten Einblicke in das Verhalten und in die Sozialstruktur längst ausgestorbener Tiere, wie sie anhand von Knochen und Zähnen nicht gewonnen werden könnten. „Letzten Endes handelt es sich um steingewordenes Verhalten“, so der mittlerweile am Berliner Museum für Naturkunde tätige Paläontologe.

Die von Bibi und Kollegen untersuchten Spuren liegen im arabischen Emirat Abu Dhabi in einem Gebiet, das einst von einem Flusssystem geprägt war. Neben zahlreichen Fossilien waren dort vor wenigen Jahren auch die Fußabdrücke von Rüsseltieren im ausgehärteten und versteinerten Schlamm entdeckt worden. Erst die von einem Drachen aus gemachten Luftaufnahmen, im Computer zu einem hochauflösenden Panorama zusammengefügt, erlaubten nun die Rekonstruktion des einstigen Geschehens. Die Resultate stellen die Forscher im Fachblatt „Biology Letters“ vor.

Foto zeigt Blick entlang einer langen Reihe tellerförmiger Eindrücke früher Rüsseltiere im grauen, nackten Untergrund, am Ende einer winzig wirkender Mann stehend vor strahlend blauem Himmel Foto: Copyright Faysal Bibi

Das Gros der Spuren stammt demnach von einer Herde aus Alttieren, Halbwüchsigen und einem Jungtier, die ungefähr in Nord-Süd-Richtung unterwegs war. Der resultierende, knapp 200 Meter lange und höchstens 30 Meter breite Spurenkorridor wird gekreuzt von der 260 Meter langen Spur eines großen Individuums. Dieses Tier dürfte eine Masse von mindestens 5,5 Tonnen gehabt haben, schätzen die Forscher anhand der Tiefe der Fußabdrücke.

Welche Rüsseltiere die Abdrücke hinterlassen haben, ist noch unklar. Wahrscheinlich seien es keine Vertreter der zwei heute noch existierenden Elefantengattungen gewesen, so Bibi und Kollegen, sondern vielleicht eher Stegotetrabelodons. In jedem Fall erinnere das fossile Muster stark an die Sozialstruktur heutiger Elefanten – mit Herden aus Kühen und ihrem Nachwuchs auf der einen Seite und mit einzelgängerischen bzw. Grüppchen bildenden Bullen auf der anderen.

„Wirklich jedermann, selbst ein blutiger Laie, erkennt in diesen Abdrücken die Fußspuren sehr großer Tiere“, erklärt Bibis Kollege Andrew Hill von der amerikanischen Yale University. „Erfährt man dann noch, dass sie mehr als 6 Millionen Jahre alt sind, fühlt man sich unwillkürlich zurückversetzt in eine Landschaft des Miozäns, durch die vielleicht gerade eben noch Elefanten getrottet sind.“

Forschung: Faysal Bibi, Institut de Paléoprimatologie et Paléontologie Humaine: Evolution et Paléoenvironnements, CNRS/Université de Poitiers; Brian Kraatz, Department of Anatomy, Western University of Health Sciences, Pomona; Andrew Hill, Department of Anthropology, Yale University, New Haven; und andere

Veröffentlichung Biology Letters, 22. Februar 2012, DOI 10.1098/rsbl.2011.1185

WWW:
IPHEP, Université de Poitiers
Luftaufnahmen-Panorama der Fundstätte
Archaeology in Abu Dhabi and the United Arab Emirates
Mleisa
Rüsseltiere

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