Posted in: Biologie, Genetik 3. Februar 2012 12:43 Weiter lesen →

Flächendeckende Klone

Unterwasseraufnahme zeigt dichte Seegraswiesen im flachen Wasser, stellenweise heller Sand Die Seegraswiesen des Mittelmeers bestehen aus ebenso ausgedehnten wie alten Organismen. Zu diesem Schluss kommen französische und portugiesische Forscherinnen nach genetischen Untersuchungen. Das langsam wachsende Neptungras hat stellenweise bis zu 15 Kilometer große Klone gebildet, die einige zehntausend Jahre alt sein könnten.

Foto: M. San Félix in: Arnaud-Haond S et al. (2012), PLoS ONE 7(2): e30454. DOI 10.1371/journal.pone.0030454 (Creative Commons Attribution 2.5 Generic)

Offenbar verfüge das Neptungras über eine Art Allzweckgenom, folgern die Forscherinnen um Sophie Arnaud-Haond und Ester Serrão vom französischen Meeresforschungsinstitut Ifremer und von der Universität Faro. Dieses Genom verleihe dem Gewächs die nötige Flexibilität, seinen Stoffwechsel und sein Wachstum sehr fein auf die Bedingungen am jeweiligen Wuchsort abzustimmen. Im Gegenzug mutiert es extrem langsam, berichtet die Gruppe im Fachblatt „PLoS ONE“.

Das Neptungras (Posidonia oceanica) bildet im Mittelmeer regelrechte Wiesen, die zahlreichen Tieren als Lebensraum und Kinderstube dienen. Seine Zugehörigkeit zu den Blütenpflanzen lässt das Gewächs nur selten erkennen und vermehrt sich stattdessen ungeschlechtlich, indem sich seine dem Meeresgrund anliegenden Sprosse verzweigen. Diese gemächliche Ausbreitung bringt eine besondere Anfälligkeit für Störungen mit sich: Derzeit schrumpfen die Neptungraswiesen im Mittelmeer jährlich um 5 Prozent. Weltweit sind die anderen Seegräser ebenfalls im Rückgang begriffen – mit negativen Konsequenzen auch für Fischerei und Tourismus.

Die Forscherinnen analysierten gut 1.500 Proben von Neptungras, die von 40 Stellen im gesamten Mittelmeer stammten. Anhand von 9 variablen Erbgutregionen bestimmten sie die Verwandtschaftsverhältnisse und stießen insbesondere vor den Balearen und vor Sizilien auf ausgedehnte Klone. Trotz der niedrigen Probenzahl an jedem einzelnen Untersuchungsort waren bis zu 10 Prozent der Proben von teils 15 Kilometer auseinanderliegenden Orten genetisch identisch.

Offenbar besteht jede Neptungraswiese aus nur wenigen, teils aber sehr großen Klonen, folgern Arnaud-Haond, Serrão und Kolleginnen. Dieses Muster komme wahrscheinlich auch dadurch zustande, dass sich gelegentlich Abschnitte des Sprossnetzes lösten und verdriftet würden, betonen die Forscherinnen. Dennoch halten sie es für möglich, dass einige der gefundenen Klone schon während der letzten Eiszeit im Mittelmeer wuchsen, als dessen Spiegel etwa 100 Meter tiefer lag als heute.

Forschung: Sophie Arnaud-Haond und Ester A. Serrão, Centre de Brest, Ifremer, Plouzané, und Equipa Biogeografia, Ecologia e Evolução, CCMAR, Universidade do Algarve, Faro; und andere

Veröffentlichung PLoS ONE, Vol. 7(2): e30454, DOI 10.1371/journal.pone.0030454

WWW:
Ifremer
Marine Ecology and Evolution, Universidade do Algarve
Seegraswiesen

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