Posted in: Anthropologie, Genetik 21. Dezember 2011 20:10 Weiter lesen →

Musterhafte Schädel-Evolution

Foto zeigt mit Blumenmotiven bemalte Totenschädel auf einer hellen Steinplatte, im Hintergrund aufgestapelte Knochen Der Schädel des Menschen ist weniger wandlungsfähig als häufig angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine spanische Anthropologengruppe nach der Untersuchung von Totenschädeln in einem österreichischen Beinhaus. Verschiedene Aspekte der Schädelform sind demnach eng miteinander verknüpft, sodass sich Änderungen in einem Merkmal automatisch auch auf andere Merkmale auswirken.

Foto: Universitat de Barcelona

„Üblicherweise wird untersucht, wie sich die Selektion auf ganz bestimmte Merkmale auswirkt“, erklärt Miquel Hernàndez von der Universität Barcelona. Die neuen Resultate belegten für den menschlichen Schädel jedoch eine starke Abhängigkeit verschiedener Merkmale – offenbar als Resultat eines gemeinsamen genetischen Entwicklungsprogramms. „Nur solche Veränderungen, die in dieses morphologische Muster passen, werden begünstigt“, so der Forscher.

Die Gruppe um Hernàndez und seine Kolleginnen Neus Martínez Abadías und Mireia Esparza stützt ihre Schlussfolgerungen auf die Vermessung von 390 Schädeln im Beinhaus von Hallstatt. In dem Ossuarium im Salzkammergut werden insgesamt etwa 1.200 Totenschädel aufbewahrt, die teils noch vom Beginn des 17. Jahrhunderts stammen. Viele davon sind mit Malereien verziert, üblicherweise sind zudem der Name des Verstorbenen sowie Geburts- und Sterbedatum ausgewiesen. Anhand dieser Angaben und ihrer Messwerte studierten die Forscher, in welchen Details die Schädelform innerhalb einer Verwandtschaftslinie und zwischen verschiedenen Linien variiert. Die Resultate präsentieren sie im Fachblatt „Evolution“.

Angesichts der starken Verzahnung der Merkmale müsse man die bisherigen Vorstellungen zur evolutionären Entwicklung des menschlichen Schädels überdenken, folgern die Anthropologen. Faktoren wie aufrechter Gang, zunehmende Gehirngröße und veränderte Ernährungsgewohnheiten wirkten sich nicht allein auf ganz bestimmte Schädelmerkmale aus, umgekehrt reagierten einzelne Merkmale stets auf verschiedene Faktoren. Zudem beschränke das gemeinsame Entwicklungsprogramm die Variationsspanne jedes Merkmals, erläutert Martínez Abadías. Diese Beschränkung könnte durchaus ihre Vorteile haben, so die Forscherin: Vielleicht würden Unregelmäßigkeiten bei der Schädelentwicklung auf diese Weise abgefangen.

Forschung: Neus Martínez Abadías, Mireia Esparza und Miquel Hernàndez, Secció d’Antropologia, Departament de Biologia Animal, Universitat de Barcelona; Christian Peter Klingenberg, Faculty of Life Sciences, University of Manchester; und andere

Online-Veröffentlichung Evolution, DOI 10.1111/j.1558-5646.2011.01496.x

WWW:
Biologia Animal, Universitat de Barcelona
Hallstätter Beinhaus
Human Evolution

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