Posted in: Medizin, Psychologie 20. Oktober 2011 15:26 Weiter lesen →

Umleitung im Gehirn

Grafik zeigt MRI-Schnitte durch das Gehirn, zwei sagittale mit und ohne Balken und zwei horizontale mit ähnlichen, orange-gelb eingefärbten Regionen Das menschliche Gehirn kann den Wegfall eines seiner wichtigsten Datenkabel erstaunlich gut verkraften. Entsprechende Resultate liefert eine kleine Studie amerikanischer Neurowissenschaftler. Bei Personen, die ohne Balken als Hauptverbindung zwischen den beiden Gehirnhälften geboren wurden, scheinen die beiden Hemisphären problemlos miteinander zu kommunizieren – zumindest im Ruhezustand.

Grafik: California Institute of Technology

Dieses Ergebnis sei eine echte Überraschung, erklärt Michael Tyszka vom California Institute of Technology. „Eigentlich hatten wir erwartet, dass die Kopplung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte bei diesen Personen deutlich schwächer sein würde – immerhin fehlen ihnen gut 200 Millionen einzelne Verbindungen.“ Offenbar könne dieser Mangel aber bis zu einem gewissen Grad durch alternative Verbindungen kompensiert werden, so der Forscher.

Tyszka und Kollegen kartierten die Gehirnaktivität von acht Personen, bei denen der Balken (Corpus callosum) vollständig fehlt, die aber eine normale Intelligenz aufweisen. Während die Studienteilnehmer in der Röhre des Kernspintomografen lagen, sollten sie sich entspannen und an nichts Besonderes denken. Dabei zeigten sich langsame, synchrone Aktivitätsschwankungen in mehreren, offenbar miteinander verbundenen Regionen in beiden Gehirnhälften. Dieses Ruhenetzwerk war kaum unterscheidbar von dem bei Personen mit Balken, berichten die Forscher im „Journal of Neuroscience“.

Etwa einer von viertausend Menschen werde ohne Balken geboren, so Tyszkas Institutskollegin Lynn Paul. Wenn dieser Balkenmangel isoliert auftrete und nicht als Folge einer umfassenderen Entwicklungsstörung, seien diese Personen oft völlig unauffällig und ihre Besonderheit werde bestenfalls zufällig entdeckt. Allerdings zeige etwa ein Drittel dieser Menschen autistische Symptome. Nach Ansicht der Forscherin könnten die neuen Resultate daher helfen, „die Arbeitsweise des Gehirns von Autisten besser zu verstehen“.

Forschung: J. Michael Tyszka, Daniel P. Kennedy, Ralph Adolphs und Lynn K. Paul, Divison of Biology und Divison of Humanities and Social Sciences, California Institute of Technology, Pasadena

Veröffentlichung Journal of Neuroscience, Vol. 31(42), pp 15154-62, DOI 10.1523/JNEUROSCI.1453-11.2011

WWW:
Corpus Callosum Research Program, California Institute of Technology
One Brain … or Two?
Balkenmangel-Kinder

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