Polwärts größere Augen
Mittwoch, 27. Juli 2011, 1:01 • Rubrik Biologie, Medizin.
Indem der Mensch in die gemäßigten Zonen und polnahen Gebiete der Erde vorstieß, wurden seine Augen größer. Das haben englische Forscher bei der Vermessung von Schädeln aus unterschiedlichen Teilen der Welt ermittelt. Ihrer Ansicht nach handelt es sich um eine Anpassung an die abnehmende Helligkeit und Tageslänge mit zunehmender geografischer Breite.
Foto: Petr Novák, Wikipedia (Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic)
“Je weiter man sich vom Äquator entfernt, umso weniger Licht gibt es”, erläutert Eiluned Pearce von der Universität Oxford. Größere Augen konterten diesen Umstand mit ihrer gesteigerten Lichtempfindlichkeit ohne gleichzeitige Einbußen bei der Sehschärfe. “Und auch das Gehirn musste größer werden, um den zusätzlichen Signaleingang im Sehsystem bewältigen zu können”, so die Anthropologin. Das bedeute jedoch nicht, dass Menschen in höheren Breiten intelligenter seien.
Viele nacht- und dämmerungsaktive Vögel und Primaten, beispielsweise Eulen und Koboldmakis, sind für ihre großen Augen bekannt. Ein großes Auge fängt mehr Licht ein und erzeugt ein größeres Netzhautbild, sodass Tiere mit solchen Augen auch bei wenig Umgebungslicht kontraststark und scharf sehen können. Pearce und ihr Kollege Robin Dunbar gingen nun der Frage nach, ob sich dieser Faktor auch auf die Evolution des modernen Menschen ausgewirkt hat, seit dieser seine afrikanische Wiege verlassen hat. Dazu vermaßen sie insgesamt 73 Schädel von Menschen, die im 19. Jahrhundert in Australien, England, Mikronesien, Skandinavien, Uganda und anderen Regionen der Erde gelebt hatten.
Tatsächlich nimmt das Volumen der Augenhöhlen mit der geographischen Breite klar zu, berichten die beiden Forscher im Fachblatt “Biology Letters”. Während es in Äquatornähe heimische Menschen im Schnitt auf knapp 23 Milliliter brachten, waren es bei Menschen auf der Breite der Polarkreise fast 27 Milliliter. Der Zusammenhang gilt auch unter Berücksichtigung der Körpermasse und des Hirnvolumens. Die Tiefsttemperaturen in der jeweiligen Region spielen ebenfalls keine Rolle – der Zuwachs war also nicht etwa dickeren Fettpolstern in den Augenhöhlen geschuldet.
Ein derart deutlicher Effekt sei umso erstaunlicher angesichts der betrachteten Zeiträume, so Dunbar. “Erst seit wenigen zehntausend Jahren lebt der Mensch in den höheren Breiten Europas und Asiens. Und doch scheint sich sein Sehsystem zügig an wolkenverhangene Himmel, trübes Wetter und lange Winter angepasst zu haben, wie wir sie in diesen Breiten erleben.”
Forschung: eiluned Pearce und Robin Dunbar, Institute of Cognitive and Evolutionary Anthropology, University of Oxford, Oxford
Veröffentlichung Biology Letters, DOI 10.1098/rsbl.2011.0570
WWW:
Institute of Cognitive and Evolutionary Anthropology, University of Oxford
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