Posted in: Paläontologie 19. Juli 2011 21:54 Weiter lesen →

Neue fossile Insektenordnung: die Chimärenflügler

Fossil des Chimaerenflüglers Coxoplectoptera Eine ausgestorbene Verwandte der heutigen Eintagsfliege ist als Vertreterin einer bisher unbekannten Insektenordnung identifiziert worden. Das 120 Millionen Jahre alte Fossil wurde von Forschern des Naturkundemuseums Stuttgart entdeckt. Sie tauften ihren Funde auf den Namen Coxoplectoptera bzw. Chimärenflügler.

Bild oben: Der Chimärenflügler im erwachsenen Stadium. Foto: SMNS, Bechly/Staniczek.

Der Chimärenflügler stammt aus der unteren Kreidezeit Südamerikas. Vo ihm sind bisher nur zwei erwachsene Exemplare bekannt. Eines der Fossilien entdeckten die Forscher Arnold Staniczek und Günter Bechly in den Sammlungen ihres Arbeitgebers, des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart.

In einer Sonderausgabe der Fachzeitschrift „Insect Systematics & Evolution“ schreiben die Forscher, es handle sich um eine ausgestorbene Verwandte heute lebender Eintagsfliegen. Schon zu ihrer Lebzeit sei die Fliege wohl ein Überbleibsel primitiver Fluginsekten aus dem Erdaltertum gewesen.

In Körperbau und Lebensweise unterscheide sich das Fossil sowohl von Eintagsfliegen als auch von allen anderen bisher bekannten Insekten: Die Flügel scheinen von einer Eintagsfliege zu stammen, Brust und Flügelform entsprechen dagegen einer Libelle und die Beine erinnern an eine Gottesanbeterin. Aus diesem Grund schlagen die Forscher den deutschen Namen „Chimärenflügler“ für diese neue Insektengruppe vor.

Larve des Chimaerenflüglers Larve des Chimärenflüglers. Foto: SMNS, Bechly/Staniczek.

Auch die Larven der Fliege sind ungewöhnlich und erinnern in ihrem Aussehen an Bachflohkrebse. Ihre Lebensweise stellte die Forscher vor große Rätsel: Obwohl einige Merkmale der Larven und deren Einbettung eindeutig belegen, dass es sich um Bewohner von Fließgewässern handelte, unterscheiden sie sich im Körperbau von allen anderen bekannten wasserlebenden Insekten.

Möglicherweise lebten die Larven als Lauerjäger halb eingegraben im Gewässergrund: Für einen Räuber sprechen die als Raubbeine entwickelten Vorderbeine und zangenartige Kiefer. Die Körperpanzerung, die seitliche Abplattung des Körpers und die gedrungenen Mittel- und Hinterbeine deuten auf eine grabende Lebensweise hin.

Dr. Günter Bechly und Dr. Arnold Staniczek im Magazin des Löwentor Museums Dr. Günter Bechly und Dr. Arnold Staniczek im Magazin des Museums. Foto: SMNS/ Wilhelm.

Der Körperbau der Chimärenflügler liefert Argumente in der Diskussion über die evolutionären Entstehung des Insektenflügels: Lange Zeit wurde angenommen, dass sich Insektenflügel aus zunächst starren Auswüchsen von Rückenschildern der Brustsegmente entwickelten. Dagegen legen neue Erkenntnisse aus der Entwicklungsgenetik nahe, dass sich Insektenflügel aus beweglichen Beinanhängen krebsartiger Vorfahren entwickelt haben.

Die Larven der Coxoplectoptera liefern durch den Bau ihrer Kiemen am Hinterleib Indizien dafür, dass beide Theorien teilweise zutreffen. Da diese Kiemen in zahlreichen Details den Flügelanlagen entsprechen, gehen die Forscher davon aus, dass beide Organe den gleichen evolutionären Ursprung besitzen. Bislang war unklar, ob die Kiemen primitiver Fluginsekten sich aus Beinanhängen oder Rückenschildern entwickelt haben. Bei den Chimärenflüglern setzen die Kiemen an den Rückenschildern an. Die Insektenforscher vermuten daher, dass auch die Flügel ihren Ursprung in Rückenplatten haben, während Bein-Gene lediglich für die Steuerung der Flügelentwicklung rekrutiert wurden. Die Entdeckung der Coxoplectoptera trägt so zu einem besseren Verständnis der Evolution der Fluginsekten bei.

Das Fossil ist bis Ende August 2011 in einer Sondervitrine im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, Museum am Löwentor, zu sehen.

Forschung: Arnold Staniczek, Günter Bechly, Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, Veröffentlichung in „Insect Systematics & Evolution“, Vol. 42, Nr. 2 2011

WWW:
Insect Systematics & Evolution
Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart

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