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Papageien können folgern

Seitliche Nahaufnahme eines großen Papageis mit hellgrauem Gefieder, hellgelber Iris, dunkelgrauem Schnabel [1] Graupapageien gelten nicht umsonst als besonders intelligente Vögel, demonstrieren Experimente österreichischer Verhaltensforscher. Einer ihrer gefiederten Versuchsteilnehmer war in der Lage, sich durch logisches Schließen einen Leckerbissen zu sichern.

Foto: Sandra Mikolasch

Eine solche geistige Leistungsfähigkeit sei bislang nur bei Menschenaffen beobachtet worden, schreiben die Forscher um Sandra Mikolasch von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle und der Universität Wien im Fachblatt „Biology Letters“. Und selbst bei Schimpansen erziele nur etwa ein Fünftel der Individuen mehr als bloße Zufallstreffer.

Mikolasch und Kollegen führten ihre Tests mit sieben Graupapageien (Psittacus erithacus) durch. Die großen, im tropischen Afrika heimischen Vögel gelten als besonders klug und gelehrig und sind daher als Haustiere beliebt. In diesem Fall lebten sie in einer Wiener Auffangstation, die Papageien von überforderten oder verreisten Besitzern aufnimmt.

Unter den Augen der Graupapageien wurden zwei unterschiedliche Leckerbissen – beispielsweise Nüsse und Samen – unter zwei Plastikbecher gelegt. Einer der Leckerbissen wurde nun wieder weggenommen und dem Vogel gezeigt. Daraufhin durfte dieser einen der Becher durch Berühren mit dem Schnabel auswählen und erhielt gegebenenfalls die noch darunter verborgene Belohnung.

Konnten die Papageien das Wegnehmen des Leckerbissens verfolgen, entschieden sich drei von ihnen bei den meisten Versuchsdurchgängen für den Becher mit dem verbliebenen Leckerbissen. Diese Aufgabe erforderte allerdings noch kein Schlussfolgern, da sich die Tiere einfach für den nicht manipulierten Becher entscheiden konnten. Anders dagegen, wenn das Wegnehmen hinter einem Sichtschutz erfolgte und die Vögel lediglich den weggenommenen Leckerbissen zu sehen bekamen. In diesem Fall brachte es lediglich ein 13 Jahre altes Weibchen auf eine Trefferquote, die mit 77 Prozent klar über der von Zufallstreffern lag.

Die einfache Variante des Versuchs werde nicht nur von verschiedenen Affen, sondern auch von Hunden und Raben gemeistert, so Mikolasch und Kollegen. Die Tatsache, dass ein Graupapagei auch bei der schwierigen Variante Erfolg habe, zeige, dass diese Vögel grundsätzlich zu echtem Schlussfolgern fähig seien. Offenbar setze diese Fähigkeit aber ein geistiges Leistungsvermögen voraus, wie es nur bei einzelnen Individuen gegeben sei.

Forschung: Sandra Mikolasch, Kurt Kotrschal und Christian Schlögl, Konrad-Lorenz-Forschungsstelle, Grünau im Almtal, Departments für Verhaltensbiologie und Kognitionsbiologie, Universität Wien, ARGE Papageienschutz, Wien, und Abteilung Kognitive Ethologie, Deutsches Primatenzentrum, Göttingen

Veröffentlichung Biology Letters, 22. Juni 2011, DOI 10.1098/rsbl.2011.0500

WWW:
Konrad-Lorenz-Forschungsstelle [2]
Arbeitsgemeinschaft Papageienschutz, Wien [3]
Psittacus erithacus [4]
Bird Brain [5]

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Schnelle Evolution bei schlauen Vögeln [6]
„Nervöse“ Vögel sind mutiger [7]