Posted in: Chemie, Soziales 20. Juni 2011 19:21 Weiter lesen →

Städtisches Tagebuch im Abwasser

Foto eines rund gemauerten Abwasserkanals mit fernem Licht hinter einer Biegung Wohl und Wehe einer Stadt lassen sich auch an dem Abwasser ablesen, das ihre Einwohner produzieren. Norwegische Forscher haben am Beispiel Oslos ermittelt, dass feierfreudige Schulabgänger die Konzentration der Partydroge Ecstasy im Abwasser emporschnellen lassen. Bei starkem Pollenflug fließen dagegen vermehrt Antiallergika durch die Kanalisation.

Foto: padonak39 via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Anhand solcher Information lasse sich beispielsweise der Erfolg von Maßnahmen gegen den Drogenkonsum einschätzen, erläutern die Chemiker um Kevin Thomas vom Norwegischen Institut für Wasserforschung (NIVA). Gewinnen lassen sich die Daten mit einer vergleichsweise einfachen und kostengünstigen Erfassungsmethode, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt „Environmental Science and Technology“.

Thomas und Kollegen analysierten den Inhalt von kleinen Sammelvorrichtungen, die sie für jeweils zwei Wochen in einer Kläranlage der norwegischen Hauptstadt im Abwasserstrom installiert hatten. Die Sammler bestehen aus dünnen Polymermembranen, zwischen denen sich ein Absorbermaterial befindet. Tritt Wasser durch die Membranen, so werden darin gelöste organische Verbindungen von dem Absorber aufgenommen – und lassen sich nach einiger Zeit in konzentrierter Form extrahieren und analysieren.

Anhand dieses Systems konnten die Forscher verfolgen, wie die Konzentrationen von elf Wirkstoffen bzw. deren Abbauprodukten im Lauf eines Jahres schwankten. So stieg der Wert für das Methamphetamin MDMA während der Russfeiern zum Schulabschluss kurzzeitig auf das Zehnfache des Ausgangswerts. Im Falle des Kokains zeigten sich dagegen mehrere Konsumspitzen im Jahr mit rein rechnerischen Werten von fast 3 Gramm pro 1.000 Einwohner und Tag.

Parallel zur Stärke des Pollenflugs variierte wiederum die Konzentration des antiallergischen Wirkstoffs Ceterizin. Anhand der Abwasserwerte berechneten die Forscher einen Schätzwert für die eingenommene Ceterizinmenge, der gut mit der in Oslo verschriebenen Medikamentenmenge übereinstimmt. Nach Ansicht Thomas‘ und seiner Kollegen zeigen ihre Ergebnisse, dass die passiven Sammler gut geeignet sind für die kontinuierliche Überwachung des Abwassers.

Forschung: Christopher Harman, Malcolm Reid und Kevin V. Thomas, Oslo Centre for Interdisciplinary Environmental and Social Research (CIENS), Norwegian Institute for Water Research, Oslo

Veröffentlichung Environmental Science and Technology, DOI 10.1021/es201124j

WWW:
Norsk institutt for vannforskning
Virtuelle Klärwerksführung
Russfeier

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Fischen nach Schadstoffen
Entlarvendes Abwasser

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2 Kommentare zu "Städtisches Tagebuch im Abwasser"

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  1. Edi Schwager sagt:

    Keine brandneue wissenschaftliche Forschungsmethode. Aber sicher spannend. Was wenn aber der Bürger plötzlich damit rechnen muss, dass gar eines Tages (oder bereits jetzt?) seine privaten Abwässer ohne sein Wissen oder seine Einwilligung zur Ueberwachung gefiltert und analysiert werden? Im Auftrag von Polizei, Vermieter, Arbeitgeber oder der bösen Schwiegermutter? Pauschalverdacht für alle! Rückt Orwell noch näher? Wie sähe hier die rechtliche Lage aus?

  2. Roland Hoffmann sagt:

    reine Abzocke,
    Städte und Gemeinden haben riesige Leckstellen in ihren Kanälen,aber der kleine Einfamilienhausbesitzer, der zweimal am Tag auf die Toilette geht oder spült und wäscht ist der Böse Bube und wird zur Kasse gebeten.
    Wieder so eine nicht nachvollziehbare Maßnahme, bei der wahrscheinlich wieder mal ein Schwager irgendeines Politikers so einen Betrieb haben und Geld braucht.
    Landwirte entsorgen jedes Jahr riesige Mengen von Tonnen ihrer Gülle ins Erdreich, wo ist da das Gleichheitsprinzip ?