Posted in: Genetik, Medizin 6. Juni 2011 14:00 Weiter lesen →

Dickes Blut, höheres Darmkrebsrisiko

Menschen mit einer erhöhten Neigung zur Blutgerinnung erkranken mit höherer Wahrscheinlichkeit an Dickdarmkrebs. Diesen Zusammenhang bestätigt eine groß angelegte Studie mit rund 3.600 Teilnehmern, die niederländische und deutsche Mediziner durchgeführt haben. Im Extremfall geht demnach eine einzelne Mutation, die eine verstärkte Gerinnungsneigung mit sich bringt, mit einer Vervielfachung des Erkrankungsrisikos einher.

Umgekehrt weisen die Träger einer Mutation, die die Gerinnungsneigung senkt, auch ein etwas niedrigeres Risiko für Dickdarmkrebs auf als der Bevölkerungsdurchschnitt, ermittelten die Mediziner um Carla Vossen vom Universitätsklinikum Utrecht und Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die Resultate ihrer Arbeit stellen sie im „Journal of Clinical Oncology“ vor.

Allein in Deutschland erkranken jährlich fast 70.000 Menschen am kolorektalen Karzinom. Zwar hatten frühere Studien bereits ergeben, dass das Erkrankungsrisiko mit der Neigung zur Blutgerinnung und mit Variationen einzelner Gerinnungsfaktoren schwankt. Die Resultate waren jedoch nicht immer stimmig – unter anderem bedingt durch geringe Teilnehmerzahlen.

Vossen, Brenner und ihre Kollegen verglichen nun das Blutgerinnungssystem von etwa 1.800 Männern und Frauen mit neu diagnostiziertem Dickdarmkrebs und von ebenso vielen gesunden Personen. Die Forscher fahndeten nach Varianten in den Genen für sechs Gerinnungsfaktoren. Tatsächlich kamen einige dieser Varianten bei den Krebspatienten deutlich häufiger bzw. seltener vor als bei den Kontrollpersonen.

Am auffälligsten war der Zusammenhang bei einer Variante des Gerinnungsfaktors V, die nach ihrem niederländischen Entdeckungsort als Faktor V-Leiden bezeichnet wird. Diese Variante kommt bei etwa fünf Prozent aller Europäer vor und geht mit einer rascheren Blutgerinnung und einem erhöhten Thromboserisiko einher. Wer sie von beiden Elternteilen geerbt hat, weist ein fast sechs Mal so hohes Dickdarmkrebsrisiko auf wie ein Träger der gängigen Genversion, ermittelten die Mediziner. Dagegen liegt das Darmkrebsrisiko von Trägern einer gerinnungshemmenden Variante des Faktors XIII um etwa 15 Prozent unter dem Durchschnitt.

Eine mögliche Erklärung für die Verbindung zwischen Gerinnungsneigung und Krebsrisiko liegt in dem Enzym Thrombin. Als Endglied der Blutgerinnungskette bewirkt Thrombin nach einer Verletzung die Bildung der Fibrinfasern. Das Enzym kann aber auch die extrazelluläre Matrix als Kitt zwischen den Zellen auflösen – und so vielleicht die Ausbreitung von Tumorzellen begünstigen. Dieser Zusammenhang müsse allerdings noch im Detail untersucht werden, betont Brenner: „Es ist interessant, dass nicht jede Genvariante, die die Gerinnungsneigung erhöht, automatisch auch das Darmkrebsrisiko steigert.“

Forschung: Carla Y. Vossen, Medische Genetica, Universitair Medisch Centrum Utrecht; Michael Hoffmeister und Hermann Brenner, Klinische Epidemiologie und Alternsforschung, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg; und andere

Veröffentlichung Journal of Clinical Oncology, Vol. 29(13), pp 1722-7, DOI 10.1200/JCO.2010.31.8873

WWW:
Medical Genetics, UMC Utrecht
Deutsches Krebsforschungszentrum
Dickdarmkrebs
Blood Coagulation

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