Posted in: Kultur, Mathematik, Psychologie 23. Mai 2011 19:00 Weiter lesen →

Geometrisches Gemeingut

2 Grafiken zeigen 2 Parallelen, eine durch einen Punkt laufend, auf einer ebenen Fläche und auf einer Kugeloberfläche, Schnittpunkt auf letzterer Auch wenn es Schülern im Mathematikunterricht oft anders vorkommt: Geometrie ist eine der natürlichsten Sachen der Welt. Diesen Schluss ziehen französische und amerikanische Forscher nach Tests im Dschungel des Amazonas. Angehörige eines dort lebenden Stamms haben demnach ein ähnlich gutes Gespür für Geometrie wie Altersgenossen in Frankreich und in den Vereinigten Staaten.

Grafik: Søren Peo Pedersen (Peo) via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Das gilt nicht allein für anschauliche geometrische Konstrukte wie etwa Dreiecke, fanden die Psychologen um Véronique Izard von der Universität Paris Descartes und Pierre Pica von der Universität Paris Saint-Denis. Auch das abstrakte Konzept von Parallelen als unendlichen Linien ohne Schnittpunkt schien allen Teilnehmern ganz selbstverständlich zu sein, berichtet die Gruppe in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Izard, Pica und Kollegen führten ihre Tests unter anderem mit 30 Munduruku durch – einem Volk im Nordosten Brasiliens, dessen Sprache keine Begriffe für rechte Winkel oder Parallelen kennt und bei dem auch kein entsprechender Unterricht erteilt wird. Des ungeachtet seien die Waldbewohner alles andere als schlicht, betonen die Forscher. „Beispielsweise meistern die Munduruku tagtäglich Navigationsaufgaben, die weitaus schwieriger sind als jene, die sich dem Stadtmensch stellen.“

Die Psychologen stellten 30 Munduruku im Alter von 7 bis 75 Jahren zunächst zwei Welten vor, die aus Dörfern und schnurgeraden Wegen auf einer Ebene (einem Tisch) bzw. einer Kugel (einem Kürbis) bestanden. Dann stellten sie ihnen 21 Ja-Nein-Fragen. Einige davon hatten je nach betrachteter Welt unterschiedliche Antworten – beispielsweise die, ob sich zwei Wege an mehr als einer Stelle schneiden können.

Unabhängig vom Alter beantworteten die Munduruku insgesamt 83 Prozent der Fragen korrekt. Dabei taten sie sich mit ebener Geometrie deutlich leichter als mit sphärischer Geometrie. Praktisch identische Trefferquoten erhielten die Forscher, als sie die Tests mit erwachsenen US-Amerikanern und französischen Schulkindern wiederholten. Auch beim Vervollständigen von Dreiecken waren alle drei Gruppen ähnlich gut.

Deutlich schlechter schnitten dagegen US-amerikanische Kinder im Vorschulalter ab. „Abstrakte Geometrie könnte also angeboren sein, sich jedoch erst ab einem gewissen Entwicklungsstadium entfalten“, folgern Izard, Pica und Kollegen. „Sie könnte aber auch auf Basis von Erfahrungen erlernt werden, die so allgemein sind, dass alle Menschen sie machen.“ Welche dieser beiden Erklärungen zutreffe, sei derzeit noch offen, so die Forscher. In jedem Fall demonstriere das Beispiel der Munduruku, dass das menschliche Gehirn auch ohne formelle Ausbildung mühelos mit Konzepten hantieren könne, die den Rahmen des täglichen Erlebens sprengten.

Forschung: Véronique Izard, Laboratoire Psychologie de la Perception, Université Paris Descartes, CNRS UMR 8158, Paris, und Department of Psychology, Harvard University, Cambridge, Massachusetts; Pierre Pica, Laboratoire Structure Formelle du Langage, Université Paris 8, CNRS UMR 7023, Saint-Denis; und andere

Veröffentlichung Proceedings of the National Academy of Sciences, DOI 10.1073/pnas.1016686108

WWW:
Laboratoire Psychologie de la Perception, Univ. Paris Descartes
Groupe de Recherche sur le Calcul Indigène, Univ. Paris 8
Geometrie
Munduruku

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