Posted in: Biologie, Psychologie 27. April 2011 01:01 Weiter lesen →

Hündinnen sehen anders

Nahaufnahme eines Hundeauges mit hellbrauner Iris, hellbraunes Fell Frauen und Männer nehmen die Welt oft etwas unterschiedlich wahr. Das gilt auch bei Hunden, zeigen Versuche Wiener Forscher. Wenn ein Ball kurzzeitig aus dem Blickfeld verschwindet und währenddessen seine Größe ändert, reagieren Hündinnen mit Verblüffung. Rüden zeigen sich dagegen völlig unbeeindruckt.

Foto: TheGiantVermin via Flickr (Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

„Unsere Studie lässt vermuten, dass geschlechtsbedingte Wahrnehmungsunterschiede bei Säugetieren weitverbreitet sind“, folgert die Gruppe um Corsin Müller von der Universität Wien. Nach Ansicht der Forscher dürfte der Unterschied ein Nebenprodukt unterschiedlicher Hormonspiegel sein, die sich auf die Entwicklung des Gehirns auswirkten. Ihre Resultate präsentieren sie im Fachblatt „Biology Letters“.

Müller und Kollegen führten ihre Versuche mit je 25 Hündinnen und Rüden durch, die ruhig zwischen den Beinen ihres Herrchens oder Frauchens saßen. Während den Menschen die Augen verbunden worden waren, sahen die Tiere, wie sich ein blauer Ball geradlinig durch ihr Blickfeld bewegte und dabei vorübergehend hinter einem Sichtschirm verschwand. In der Hälfte der Fälle wurde er hinter dem Schirm gegen einen halb bzw. doppelt so großen, ansonsten aber identischen Ball ausgetauscht.

Männliche Hunde hielten den Ball nach dem Wiederauftauchen etwa 17 Sekunden lang im Blick, ermittelten die Forscher bei der Analyse ihrer Videoaufnahmen. Der Wert war unabhängig davon, ob der Ball seine Größe änderte oder nicht. Bei weiblichen Hunden waren es dagegen etwa 11 Sekunden bei Bällen konstanter Größe und etwa 35 Sekunden bei Bällen veränderter Größe.

Auch beim Mensch sind geschlechtsbedingte Unterschiede in der Wahrnehmung und in Facetten der geistigen Leistungsfähigkeit gefunden worden – etwa ein etwas schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen bei Frauen. Zur Erklärung dieser Unterschiede wird häufig eine prähistorische Arbeitsteilung zwischen jagenden Männern und den Nachwuchs umsorgenden Frauen angeführt. Im Fall des Hundes greife dieser Erklärungsansatz nicht, so Müller und Kollegen. Bei Untersuchungen zum Einfluss der Domestizierung auf die geistige Leistungsfähigkeit des Hundes müsse der Effekt aber in jedem Fall berücksichtigt werden.

Forschung: Corsin A. Müller, Christina Mayer, Sebastian Dörrenberg, Ludwig Huber und Friederike Range, Department für Kognitionsbiologie und Clever Dog Lab, Universität Wien

Veröffentlichung Biology Letters, 27. April 2011, DOI 10.1098/rsbl.2011.0287

WWW:
Clever Dog Lab, Uni Wien
Sex Differences in Cognition – A Primer

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Hunde äffen nicht nach
Wenige Gene machen zahm


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1 Kommentar zu "Hündinnen sehen anders"

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  1. YeRainbow sagt:

    Ich zweifle an der Interpretation. Wenn man bedenkt, daß der Rüde sich als „Sicherheitsgarant“ des Rudels versteht (zumal als ranghohes Tier), dann ist eine gute Fähigkeit zum schnellen Relaxen schlicht lebensverlängernd.

    Ernstkämpfe unter Hündinnen kommen zwar seltener vor, sind dann regelmäßig aber wesentlich härter als unter Rüden normalerweise.

    Daher kann eine Hündin es sich leisten, einen etwas erhöhten Erregungspegel zu behalten, um ihn nötigenfalls für Aktivitäten zu nutzen.

    Daß die „Wahrnehmung“ verschieden ist, leuchtet mir nicht ein. Nur der Umgang damit – und der hängt von Ressourcen ab.

    Wäre zB auch interessant zu untersuchen, ob sich da unterschiede ergeben bei sehr sicher eingeordneten Hunden und Hunden, die sich als ranghöher als ihr Mensch verstehen. Da muß man genau hinsehen, denn der Hundeführer selbst ist nicht immer fähig, das richtig einzuschätzen….
    meine Hypothese: sicher eingeordnete Hunde relaxen schneller.

    Der Schutz des Rudels ist Chefsache.