Posted in: Kultur, Psychologie 25. März 2011 13:45 Weiter lesen →

Chinesen blicken schneller

Foto zeigt chinesischen Jungen, der seine eingerollte Zunge ausstreckt Menschen, die in verschiedenen Kulturen aufgewachsen sind, sehen die Welt mit unterschiedlichen Augen. Das gilt nicht nur im übertragenen Sinn, haben chinesische und englische Forscher ermittelt. Ein Typ besonders schneller Augenbewegungen, der bei Briten eher selten ist, tritt bei Chinesen demnach sehr häufig auf.

Foto: Gideon Tsang via Flickr (Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Dieses Resultat sei umso bemerkenswerter, als die raschen Augenbewegungen eher ein Reflex als willkürlich gesteuert seien, erklärt Paul Knox von der University of Liverpool. Vielleicht wirke sich ja die jeweilige Kultur bis auf die Ebene elementarer neurobiologischer Prozesse aus. „Eine andere Möglichkeit ist, dass Unterschiede in der grundlegenden Struktur und Funktion des Gehirns bestehen“, so der Forscher. Immerhin seien die gängigen Karten der Gehirnstruktur bereits vor vielen Jahren und überwiegend anhand europäischer Gehirne erstellt worden.

Bereits früher hatten Studien zumindest vage Hinweise darauf geliefert, dass Chinesen anders sehen als Europäer. Nabin Amatya und Qiyong Gong von der Universität von Sichuan gingen dieser Frage mit einem einfachen Experiment nach. Dabei fixiert eine Person ein Symbol auf einem Bildschirm. Erscheint kurz darauf ein zweites Symbol in der Nähe des ersten, springt der Blick unweigerlich zu diesem Symbol.

Zu ihrer Verblüffung fanden die Forscher, dass diese Express-Sakkaden bei 10 von 34 Versuchsteilnehmern häufig unerwartet schnell erfolgten – nämlich schon nach etwa 0,1 Sekunden. Derart kurze Verzögerungen zwischen optischem Reiz und Augenbewegung würden bei westlichen Versuchspersonen als Hinweis auf eine gestörte Kontrolle der Augenbewegung gedeutet, erläutert Knox. Zur Sicherheit wiederholte der Forscher das Experiment seiner chinesischen Kollegen mit britischen Teilnehmern. Erwartungsgemäß traten die extrem raschen Sakkaden nur bei 1 von 38 Personen regelmäßig auf, bei den übrigen betrug die Latenzzeit die gewohnten 0,2 Sekunden.

„Alle Versuchsteilnehmer waren gesund und hatten eine völlig normale Sehkraft, und doch war das als Rarität erachtete Muster der Augenbewegung bei den Chinesen sehr häufig“, so Knox weiter. Der Forscher und seine Kollegen wollen ihre Tests nun mit Personen wiederholen, die als Kinder chinesischer Eltern in Großbritannien geboren worden und aufgewachsen sind bzw. erst in späteren Jahren aus China nach Großbritannien gekommen sind. Auf diese Weise hoffen sie, besser zwischen genetischen und kulturellen Einflüssen unterscheiden zu können.

Forschung: Nabin Amatya und Qiyong Gong, Huaxi MR Research Centre, Centre for Medical Imaging, West China Hospital, Sichuan University, Chengdu, und Paul C. Knox, Division of Orthoptics, University of Liverpool, Liverpool

Veröffentlichung Experimental Brain Research, Vol. 210(1), pp 117-29, DOI 10.1007/s00221-011-2609-z

WWW:
Centre for Medical Imaging, West China Hospital of Sichuan University
Orthoptics and Vision Science, University of Liverpool
Saccade
Wenn Blicke sprechen

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Doppelt-Sehen beim Lesen
Leseschwäche mit kulturellen Unterschieden


Posted in: Kultur, Psychologie
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (7 Bewertungen, im Schnitt 5,00 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.