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Atomare Nebelmaschine

redaktionsblog-logo Japan muss dieser Tage gleich drei Katastrophen ertragen. Das Erdbeben und der Tsunami kamen schnell und heftig; von der atomaren Katastrophe weiß noch niemand, wie lange sie dauern wird. Weil Letztere keine Laune der Natur war, sondern eine Folge menschlicher Technik, ist die Diskussion um das Restrisiko auch bei uns wieder entflammt. Was unsere Regierung dazu zu sagen hat, ist eine Katastrophe für sich.

Die Physikerin, frühere Bundesumweltministerin und derzeitige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird nicht müde, die Nutzung der Atomenergie gegen jede Kritik zu verteidigen. Die Technik sei „nach menschlichem Ermessen sicher“, so Merkel. Wer will, kann da eine gewisse Einschränkung heraus hören – allerdings eine Einschränkung, die keine praktischen Schritte erfordert. Wie könnten wir auch das beurteilen, was sich dem menschlichen Ermessen entzieht?

Im Interview mit der ARD (Wortlaut als PDF [1]) sagte Merkel: „Wir haben jetzt ja gerade im Zusammenhang mit der Verlängerung der Laufzeit noch einmal die Sicherheitsstandards auch erhöht, immer wieder Nachrüstungen gemacht. Also, das ist unbeschadet und ist nicht 30 Jahre alt, sondern immer weiterentwickelt worden. Dennoch, das, was in Japan passiert ist, ist für uns Aufforderung, noch einmal zu schauen.“ Diese Aussage ist widersprüchlich. Entweder sind unsere Atomkraftwerke sicher, dann müssen wir auch nach den Ereignissen in Japan nicht „noch einmal schauen“. Oder sie sind unsicher, dann sollten wir sie unverzüglich abschalten. Dazwischen ist nichts. Der Mathematiker Gerd Antes hat die Risikodiskussion in der FAZ [2] gut auf den Punkt gebracht: „Auch wenn das sogenannte Restrisiko 10 hoch minus 6 ist (1 durch 1.000.000) – also sehr klein –, so ist es eben nicht Null. Bei den meisten Menschen, auch Politikern, wird daraus eine gefühlte Null. Während es die Null auf der Risikoseite nicht gibt, ist gerade deswegen auf der anderen Seite das Risiko, dass ein solches Ereignis irgendwann eintritt, hundert Prozent, beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit ist eins. Es ist also nicht die Frage, ob es eintritt, sondern nur, wann und wo.“

Unsere Kanzlerin dagegen vernebelt die Diskussion. Die Lobbyisten an der Nebelmaschine haben ihr dazu den Begriff „Brückentechnologie“ in den Mund gelegt. Merkel wörtlich: „Ich will vielleicht noch einmal erinnern, auch mit den Beschlüssen, die unsere Regierung gefasst hat, ist ja die Kernenergie eine Brückentechnologie. Sie können auch sagen eine auslaufende Energie. Deutschland hat sich jedenfalls entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen und das Zeitalter der erneuerbaren Energien möglichst schnell zu erreichen.“ Diese Aussage ist nichts wert, denn jede vom Menschen je eingesetzte Technologie war und ist eine Brückentechnologie. Der Begriff ist eine Metapher, in der jeder erahnen kann, was er will. Deshalb hat Merkel für „das Zeitalter der erneuerbaren Energien“ auch kein konkretes Datum, wir erreichen es nur „möglichst schnell“.

Heute erklärte die Kanzlerin [3], ihre Regierung wolle die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke für drei Monate aussetzen. Das ist an Hilflosigkeit kaum zu überbieten und etwa so sinnvoll, als rufe man im Sommer für drei Monate zum Verzicht auf Schneepflüge auf.

„Die Sicherheit der Menschen ist das oberste Gebot“, so Merkel. Auch dieser Satz ist nur rhetorischer Nebel, der die Diskussion um das Restrisiko ersticken will. Solange wir Atomenergie nutzen, gehen wir Risiken ein, die im Falle eines technischen Versagens lebensgefährlich sind. Das muss man klar sagen und dann öffentlich diskutieren, wieviel Risiko unsere Gesellschaft zu tragen bereit ist. Die Abwägung zwischen Nutzen und Risiko ist ein Kompromiss, in dem kein „oberstes Gebot“ Platz hat. Was von Kanzlerin und Vizekanzler heute dazu zu hören war, war leider nur leere Heuchelei.

S.J.