Posted in: Anthropologie, Kultur, Soziales 10. März 2011 20:08 Weiter lesen →

Erfolg durch Entspannung

Foto zeigt weitgehend unbekleidete dunkelhäutige Menschen, vor der Kulisse eines Regenwaldes unter einem Schutzdach sitzend Dass sich der Mensch über die Erde ausbreiten konnte, hatte er möglicherweise auch seiner Sozialstruktur zu verdanken. Zu diesem Schluss kommen amerikanische und englische Forscher nach einem systematischen Vergleich von Gruppen heutiger Jäger und Sammler. Darin wird ein vergleichsweise entspannter Umgang miteinander gepflegt, zudem sind die einzelnen Gruppen durch Heiraten zu einem großen Netzwerk verknüpft.

Eine Gruppe von Jägern und Sammlern im philippinischen Regenwald (1981). Foto: Bion Griffin

Dank dieses regen Austauschs ist der Verwandtschaftsgrad innerhalb einer Gruppe sehr niedrig, fanden die Forscher um Kim Hill von der Arizona State University. „Unseres Wissens nach ist ein solches soziales Muster von keinem anderen Primaten oder Wirbeltier bekannt“, schreiben die Anthropologen im Magazin „Science“. Und da die Vernetzung einzelner Gruppen die Entwicklung einer gemeinsamen Kultur und Technologie begünstige, liege hier vielleicht auch ein Grund für die besondere Lernfähigkeit des Menschen.

Völlig andere Verhältnisse herrschten beispielweise bei Schimpansen, erläutert Bernard Chapais von der Universität Montréal in einem begleitenden Kommentar. Schimpansengruppen würden von männlichen Tieren dominiert, die typischerweise über Vater-Sohn-Beziehungen miteinander verwandt seien, des ungeachtet aber viel Zeit und Energie darauf verwendeten, ihre Stellung in der Hierarchie zu sichern und auszubauen. Im Gegensatz zu den Männchen schlössen sich die Weibchen mit Erreichen der Geschlechtsreife einer anderen Gruppe an.

Während die Spezies Homo sapiens vermutlich vor über 200.000 Jahren entstand, haben sich Sesshaftigkeit und Landwirtschaft erst gegen Ende der letzten Vereisungsperiode vor knapp 12.000 Jahren entwickelt. Da der Mensch also 95 Prozent seiner Existenz als Jäger und Sammler verbracht hat, gehen Hill und seine Kollegen davon aus, dass heutige Jäger-Sammler-Gesellschaften in ihrer Sozialstruktur die ursprünglichen Verhältnisse widerspiegeln. Diese Annahme sei nicht unproblematisch, räumen die Forscher ein.

Die Anthropologen analysierten Daten über 32 archaisch lebende Gruppen – von nordamerikanischen Inuit und Apachen über die Aché in Südamerika und die Hadza in Afrika bis hin zu den Gunwinggu in Nordaustralien – und fanden stets ähnliche Verhältnisse. Typischerweise wechseln Männer nicht seltener als Frauen die Gruppe, sodass häufig Brüder und Schwestern und Väter und Schwiegersöhne in der gleichen Gruppe leben. Bedingt durch den regen Austausch leben in einer Gruppe insgesamt aber nur wenige erwachsene Blutsverwandte. Ein Faktor, der diese Gruppenstruktur überhaupt erst möglich gemacht haben könnte, ist der Übergang zu stabilen monogamen Partnerschaften, vermuten Hill und Kollegen.

Forschung: Kim R. Hill, School of Human Evolution and Social Change, Arizona State University, Tempe; Robert S. Walker, Department of Anthropology, University of Missouri, Columbia; und andere

Veröffentlichung Science, Vol 331, 11. März 2011, pp 1286-9, DOI 10.1126/science.1199071, und pp 1276-7, DOI 10.1126/science.1203281

WWW:
Kim Hill, Arizona State University
Hunter-Gatherer Wiki, Ohio State University

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
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Forscher: Schimpansen töten für Land
Konkurrenzdenken unter Frühmenschen


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1 Kommentar zu "Erfolg durch Entspannung"

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  1. Hermann Hilpert sagt:

    Die Ergebnisse bestätigen, was Friedrich Engels in seiner Abhandlung „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats bereits 1884 herausgearbeitet hat: Der Übergang vom Tier zum Menschen war nur möglich durch sein Zusammenleben in der Horde und der Überwindung der Eifersucht, die unter Tieren sehr ausgeprägt ist. Die Untersuchung der Familienstruktur und ihrer Entwicklung war damals allerdings schon wesentlich differenzierter erfolgt, als dies in dem obigen Artikel dargelegt ist. Während in den frühen menschlichen Gesellschaftsformationen die Gruppenehe vorherrschte gab es schon früh auch Formen der Paarungsehe aber erst nur vereinzelt. Die Monogamie gibt es erst seit das Privateigentum entstanden ist und der Mann die dominierende Stellung eingenommen hat.