Posted in: Biologie, Genetik 16. Februar 2011 01:01 Weiter lesen →

Ein Gen für Wandervögel

Foto zeigt Nahaufnahme eines kleinen Vogel mit hellem Brust- und Kehlgefieder, dunklen Kopffedern, im Hintergrund unscharf Menschen Nicht alle Vogelarten wechseln regelmäßig zwischen Sommer- und Winterrevier, und selbst innerhalb einer Art gibt es unterschiedlich zugfreudige Populationen. Deutsche und spanische Forscher haben diese Unterschiede erstmals mit Varianten eines Gens in Verbindung bringen können. Je länger eine vermeintlich überflüssige Region in diesem Gen ist, umso stärker zieht es die Tiere in die Ferne.

Foto: Francisco Pulido

Schätzungsweise 50 Milliarden Vögel machen sich zweimal im Jahr auf den Weg, einige Arten überwinden dabei Strecken von vielen Tausend Kilometern. „Dieses Verhalten hat Laien und Wissenschaftler gleichermaßen fasziniert und dürfte eines der am längsten studierten biologischen Phänomene sein“, erklären die Forscher um Jakob Müller vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Starnberg. Gleichwohl seien die zugrunde liegenden Mechanismen kaum ergründet, schreibt das Trio in den „Proceedings of the Royal Society“.

Um mehr über die beteiligten Gene herauszufinden, nutzten Müller und Kollegen umfangreiche Daten über die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla). Der meisengroße Singvogel ist in fast ganz Europa und in Nordafrika heimisch. Vor allem die nördlichen und östlichen Populationen unternehmen weite Wanderungen, während beispielsweise die Populationen auf den Kapverden oder Gibraltar nicht einmal die typische jahreszeitliche Zugunruhe entwickeln.

Die Forscher konzentrierten sich auf sechs Gene, die mit dem Gang der inneren Uhr und mit individuellen Verhaltensunterschieden in Verbindung gebracht worden sind. Die Fahndung führte zu einem dieser Gene mit der Bezeichnung ADCYAP1 (Adenylate Cyclase-activating Polypeptide 1). Das Gen wird vor allem in der Hirnanhangsdrüse, der Hypophyse, abgelesen und trägt die Information für einen Signalstoff, der von der Körpertemperatur über die Stoffwechselrate bis hin zum Fressverhalten eine lange Reihe von Faktoren beeinflussen kann.

In einem Abschnitt dieses Gens, der letztlich nicht in Protein übersetzt wird, werden zwei Basenpaare rund einhundert Mal wiederholt. Je länger dieser Mikrosatellit ist, desto stärker werden die einzelnen Tiere von der Zugunruhe gepackt. Und je häufiger lange Varianten in einer Population vorkommen, desto ausgeprägter ist deren Zugverhalten, fanden Müller und Kollegen.

Die Forscher schätzen, dass die Varianten des ADCYAP1-Gens die bezifferbaren Unterschiede zwischen einzelnen Individuen bzw. Populationen zu etwa drei Prozent erklären können. Angesichts der Komplexität des Zugverhaltens sei dies ein bemerkenswert starker Effekt, schreiben sie.

Forschung: Jakob Müller und Bart Kempenaers, Abteilung Verhaltensökologie und evolutionäre Genetik, Max-Planck-Institut für Ornithologie, Starnberg; Francisco Pulido, Departamento de Zoología y Antropología Física, Universidad Complutense de Madrid

Veröffentlichung Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, DOI 10.1098/rspb.2010.2567

WWW:
Abteilung Kampenaers, Max-Planck-Institut für Ornithologie
Biología y Conservación de Vertebrados, Universidad Complutense de Madrid
Das Wunder des Vogelzugs
Mikrosatellit

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Evolution per Futterhäuschen
Genvariante macht Meisen keck


Posted in: Biologie, Genetik
Möchten Sie den Beitrag bewerten?
SchlechtLangweiligGut zu wissenInteressantSpannend! (4 Bewertungen, im Schnitt 4,75 von 5)
Loading...

Drucken Drucken


Die Kommentare sind geschlossen.