Posted in: Biologie 2. Februar 2011 01:01 Weiter lesen →

Evolutionäre Ignoranz

Foto zeigt Vogel mit dunklem graubraunen Gefieder und hellem Augenring auf Felsen Zwischen Kuckucken und ihren Wirten ist häufig ein regelrechtes Wettrüsten von Täuschung und Enttarnung im Gang. Einen seltsamen Fall, bei dem sich keiner der Widersacher durch besondere Fähigkeiten auszeichnet, glaubt ein Bielefelder Biologe nun erklären zu können. Für einen südafrikanischen Singvogel ist es demnach die rationellste Entscheidung, Kuckuckseier in seinem Nest geflissentlich zu ignorieren.

Der Kapbülbül macht das Beste aus einer verfahrenen Situation. Foto: Dick Daniels, carolinabirds.org, via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution Share-Alike 3.0 Unported)

Diese fremden Eier sind zu groß, als dass sie der Kapbülbül aus seinem Nest werfen könnte, ermittelte Oliver Krüger von der Universität Bielefeld. Gleichzeitig arbeitet die Zeit gegen den beinahe amselgroßen Bülbül, sodass die Alternative – ein Neuanfang mit einem anderen Nest – mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringen würde, berichtet der Forscher in den „Proceedings of the Royal Society“.

Kuckucke sind in der Lage, die Eier und die Küken ihrer Wirte perfekt nachzuahmen. Viele ihrer potenziellen Opfer können eigene und fremde Nachkommen allerdings sehr gut unterscheiden und befördern letztere aus dem Nest oder geben ihr Gelege auf. Mit dem Kapbülbül (Pycnonotus capensis) und dem Jakobinerkuckuck (Clamator jacobinus serratus) untersuchte Krüger ein Paar, das von solchem evolutionären Wetteifern völlig unberührt scheint.

Die Eier des Kuckucks sind einheitlich weiß und beinahe doppelt so groß wie die dunkel gesprenkelten Eier des Bülbüls. Und obwohl ein Kuckucksei den Bruterfolg des Wirts um rund drei Viertel reduziert, wird es von diesem stets widerstandslos umsorgt, ermittelte der Forscher im Rahmen mehrjähriger Beobachtungen in der Ostkap-Provinz Südafrikas. Auf Basis seiner Daten entwickelte er ein Computermodell, dem zufolge der Bülbül tatsächlich das Beste aus einer verfahrenen Situation macht, indem er die Kuckuckseier duldet.

Den Ausschlag geben dabei zwei Faktoren, fand Krüger. Erstens ist der Jakobinerkuckuck alles andere als perfekt. Gut 40 Prozent seiner Eier sind „taub“ oder werden so spät gelegt, dass sich die Kuckucksküken nicht mehr gegen die älteren Bülbülküken behaupten können. Zweitens vervielfacht sich im Laufe der Brutsaison das Risiko, dass ein Bülbülnest von Kuckucken parasitiert oder aber von Fressfeinden geräubert wird. Der Zeitverlust und die zusätzlichen Kosten, die die Bülbüls für ein neues Nest in Kauf nehmen müssten, würden sich also nicht auszahlen.

Die neuen Resultate sprächen gegen die Vermutung, die Evolution habe es im Fall des seltsamen Wirt-Parasit-Gespanns schlicht noch nicht geschafft, offenkundige Täuschungs- und Abwehrmaßnahmen hervorzubringen, so Krüger. „Letztlich ist es die Selektion, die die Kapbülbüls davon abhält, sich auf ein koevolutionäres Wettrüsten mit dem Jakobinerkuckuck einzulassen.“

Forschung: Oliver Krüger, Department of Biology and Biochemistry, University of Bath, und Lehrstuhl Verhaltensforschung, Universität Bielefeld

Veröffentlichung Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 02. Februar 2011, DOI 10.1098/rspb.2010.2629

WWW:
AG Oliver Krüger, Uni Bielefeld
Kapbülbül
Jacobin Cuckoo
Vögel als Brutschmarotzer

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Rabiate Abfuhr für Kuckucke
UV-Makel verrät Kuckuckseier


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