Posted in: Anthropologie, Archäologie 27. Januar 2011 20:05 Weiter lesen →

Ein früher Schlenker

Foto zeigt zwei Ansichten eines scharfkantigen Faustkeils aus hellbraun-gelblichem Gestein Der moderne Mensch könnte seine afrikanische Wiege auf mehreren Wegen verlassen haben. Diesen Schluss legen Untersuchungen einer internationalen Forschergruppe in den Vereinigten Arabischen Emiraten nahe. Dort scheinen schon vor 125.000 Jahren moderne Menschen angekommen zu sein, während etwa zeitgleich ein Vorstoß an die östliche Mittelmeerküste erfolgte.

Foto: Copyright Science/AAAS

Gemessen an der Art, wie sie Steinwerkzeuge herstellten, dürften es sich bei den Pionieren aber um zwei völlig unterschiedliche Gruppen gehandelt haben, sind die Forscher um Simon Armitage von der University of London und Hans-Peter Uerpmann von der Universität Tübingen überzeugt. Während die eine Gruppe wohl den Nil entlang nach Norden gezogen war, könnte die andere das Rote Meer an seinem südlichen Engpass überquert haben und den Südrand der arabischen Halbinsel entlanggezogen sein, schreiben die Archäologen im Magazin „Science“.

Die Forscher machten ihre Entdeckung am Dschebel Faya, einem langgestreckten Kalksteinrücken im Emirat Schardscha. Vor wenigen Jahren hatte Uerpmann dort Hinweise auf eine menschliche Besiedlung entdeckt. Bei Grabungen unter einem Felsüberhang am Nordende des Rückens stießen die Forscher auf mehrere Schichten abgelagerten Materials, die Faustkeile und andere Steinwerkzeuge enthielten. Die Datierung von drei Mineralkörnchen in der untersten, ältesten dieser Schichten lieferte Werte von 95.000, 123.000 und 127.000 Jahren.

In ihrer Machart unterscheiden sich die Werkzeuge in dieser Schicht allerdings klar von jenen, die etwa zeitgleich im heutigen Israel hergestellt wurden, so die Forscher. Die größte Ähnlichkeit bestehe mit Werkzeugen aus dem östlichen und nordöstlichen Afrika.

Bislang gehen die meisten Anthropologen und Archäologen davon aus, dass Homo sapiens erst einen zweiten Anlauf in den östlichen Mittelmeerraum unternehmen musste, um vor etwa 60.000 Jahren auch nach Asien und schließlich auch nach Europa zu gelangen. Nach Ansicht von Armitage, Uerpmann und Kollegen eröffnet die frühe arabische Besiedlung eine Alternative: Während der Vereisungsperioden mit ihrem bis zu 120 Meter tiefer liegenden Meeresspiegel könnten Menschen problemlos auch die Straße von Hormus überquert haben und auf das Gebiet des heutigen Iran gelangt sein.

Und vielleicht, so die Forscher mit Verweis auf die Theorie ihres Kollegen Jeffrey Rose von der Universität Birmingham, habe das von Euphrat und Tigris durchzogene Becken des Persischen Golfs den frühen Siedlern zu dieser Zeit günstige Bedingungen geboten.

Forschung: Simon J. Armitage, Department of Geography, Royal Holloway, University of London, Surrey; Sabah A. Jasim, Directorate of Antiquities, Government of Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate; Hans-Peter Uerpmann, Zentrum für Naturwissenschaftliche Archäologie, Eberhard-Karls-Universität Tübingen; und andere

Veröffentlichung Science, Vol. 331, 28. Januar 2011, pp 453-6, DOI 10.1126/science.1199113

WWW:
Simon Armitage, Royal Holloway, University of London
Zentrum Naturwissenschaftliche Archäologie, Uni Tübingen
Grabungsprojekte Vereinigte Arabische Emirate
Lumineszenzdatierung
The First Migrations out of Africa
New Light on Human Prehistory in the Arabo-Persion Gulf Oasis

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2 Kommentare zu "Ein früher Schlenker"

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  1. BenW sagt:

    Da steht jetzt abber nichts über Knochen?

  2. Meinke sagt:

    Hallo, BenW. Nein, menschliche Knochen, die belegen würden, dass die Artefakte tatsächlich vom modernen Mensch stammen, wurden dort leider noch nicht gefunden. Die Anreise und mögliche weitere Reiseroute der Hersteller stehen dann noch mal auf einem anderen Blatt.