Posted in: Archäologie, Biologie, Genetik, Klima, Umwelt 13. Dezember 2010 18:22 Weiter lesen →

Geier folgt Mensch

Foto zeigt segelnden Geier mit hellem Gefieder, schwarzen Schwungfedern, orangefarbenem Kopf, kurzem Hals Auch ohne züchterische Absicht kann der Mensch neue Tierrassen hervorbringen. Ein Beispiel für diesen Prozess sind die Schmutzgeier auf den Kanarischen Inseln, haben spanische Biologen entdeckt. Erst nach der Ankunft nordafrikanischer Siedler vor etwa 2.500 Jahren konnten sich die Vögel dauerhaft auf dem atlantischen Archipel niederlassen und dort zu einer eigenen Unterart entwickeln.

Foto: Nidhin Poothully via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution 2.0 Unported)

Der Grund dürften die von den Siedlern mitgebrachten Ziegen sein, schreiben die Forscher um Rosa Agudo von der Biologischen Station Doñana im Fachblatt „BMC Evolutionary Biology“. Allein auf Fuerteventura habe es zwischenzeitlich wohl mehr als 60.000 Ziegen gegeben. Die zahlreichen großen Kadaver stellten für Geier eine sehr viel üppigere Nahrungsgrundlage dar als Kadaver von Nagern und Meerestieren.

Schmutzgeier (Neophron percnopterus) sind mittelgroße Geier mit hellem Gefieder, die im gesamten Mittelmeerraum und im Osten bis nach Indien vorkommen. Typischerweise ziehen die europäischen Populationen alljährlich gen Süden, um jenseits der Sahara zu überwintern. Offenbar haben einige Tiere dabei die Kanaren, gut 100 Kilometer vor der afrikanischen Küste gelegen, für sich entdeckt.

Agudo und ihre Kollegen verglichen Daten über 242 kanarische Schmutzgeier und 143 Artgenossen von der Iberischen Halbinsel. Schon die körperlichen Merkmale erlaubten eine Einordnung in zwei Gruppen: Die Inselgeier sind demnach etwa 16 Prozent schwerer und – gemessen an Flügel- und Schnabellänge – etwa 3 Prozent größer als ihre Vettern vom Festland. Zudem sind sie mittlerweile Standvögel, die keine jährliche Wanderung mehr unternehmen.

Die Analyse mehrerer variabler Erbgutregionen bestätigte die Zuordnung der Inselvögel zu einer eigenen Gruppe und lieferte nähere Einblicke in deren Enstehung. Die kanarischen Schmutzgeier dürften demnach zwar auf eine Population von mehreren Zehntausend Tieren zurückgehen. Ihre Linie muss jedoch vor etwa 190 Generationen auf einige wenige Individuen reduziert worden sein. Selbst gelegentliche Zuwanderer vom Festland haben die Spur dieses „genetischen Flaschenhalses“ noch nicht verwischen können.

Laut Agudo und Kollegen stehen die neuen Resultate im Einklang mit der Tatsache, dass bislang noch keine älteren Geierknochen auf den Kanaren entdeckt worden sind. Zumindest für die Schmutzgeier habe die Eroberung einer Inselwelt durch den Menschen also Vorteile mit sich gebracht, während die resultierende Veränderung von Fauna und Flora in der Regel eher negative Folgen habe. Umso ironischer mute es an, dass auch der Bestand des kanarischen Schmutzgeiers infolge von Bejagung und Vergiftung mittlerweile eingebrochen sei.

Forschung: Rosa Agudo Villa und José Antonio Donázar, Departamento de Biología de Conservación, Estación Biológica de Doñana, Sevilla; und andere

Veröffentlichung BMC Evolutionary Biology, 10:384, DOI 10.1186/1471-2148-10-384

WWW:
Biología de Conservación, Estación Biológica de Doñana
Schmutzgeier
BMC Evolutionary Biology

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