Posted in: Biologie, Genetik 18. November 2010 20:09 Weiter lesen →

Revolutionärer Häuslebauer

Mikroskopaufnahme zeigt annähernd kaulquappenförmigen Organismus in großem geleeartigen Haus mit mehreren Filterwänden Auch im Genom der Tiere können althergebrachte Traditionen über den Haufen geworfen werden. Das belegt ein kleiner Meeresbewohner, dessen Erbgut eine internationale Forschergruppe sequenziert hat. Die Gene des entfernt kaulquappenähnlichen Organismus sind sehr viel straffer organisiert und völlig anders angeordnet als bei irgendeinem anderen Tier.

Bild: Copyright Science/AAAS

„In den Genomen selbst so unterschiedlicher Tiere wie Schwamm und Mensch wird die gleiche grundsätzliche Struktur beibehalten“, erläutern die Forscher um Patrick Wincker vom französischen Sequenzierzentrum Genoscope und Daniel Chourrout vom norwegischen Sars-Meeresforschungszentrum. Der jetzt studierte Fall lasse vermuten, dass diese gemeinsame Struktur nicht unbedingt evolutionäre Vorteile mit sich bringe und im Gegenteil massiv verändert werden könne.

Bei dem sequenzierten Organismus handelt es sich um die in allen Weltmeeren vorkommende Oikopleura dioica. Das Tier aus einer Schwestergruppe der Wirbeltiere besitzt einen annähernd kugelförmigen Rumpf, an dem ein langer peitschenartiger Schwanz ansetzt – eine Struktur, die als Gegenstück zu Wirbelsäule und Bandscheiben der Wirbeltiere gilt. Die Haut von Oikopleura sondert ein ebenso kompliziertes wie filigranes „Haus“ aus Schleim ab, das als Reuse zum Filtern von Nahrungspartikeln aus dem Wasser dient.

Das Genom des Sonderlings umfasst rund 18.000 Gene, ist jedoch nur etwa 70 Millionen Basenpaare groß, berichten die Forscher im Magazin „Science“. Zum Vergleich: Das Genom des Menschen umfasst kaum ein Drittel mehr Gene, ist jedoch mehr als 40 Mal so groß. Nicht nur liegen die Gene im Oikopleura-Erbgut dicht an dicht. Sie enthalten auch nur kurze Einschübe, Introns genannt, die keine eigentliche Information tragen. Springende Gene sind selten, ebenso fehlen typische Gene für DNA-Reparaturenzyme und für Proteine des Immunsystems.

Unerwartet stark vertreten sind dagegen Gene, die beim Ablauf von Entwicklungsprogrammen aktiviert werden und die ihrerseits die Aktivität weiterer Gene dirigieren. Einige dieser Homöobox-Gene treten vornehmlich in der Rumpfhaut der Oikopleura-Larven in Aktion, beobachteten die Forscher. Ihrer Ansicht nach könnte sich hierin die Tatsache widerspiegeln, dass das Gewebe später einmal durch sorgfältig abgestimmte Sekretabgabe das komplizierte Haus bilde.

Forschung: France Denoeud und Patrick Wincker, Genoscope – Centre National de Séquençage, CEA/CNRS/Université d’Evry, Evry; Simon Henriet und Daniel Chourrout, Sars International Centre for Marine Molecular Ecology, University of Bergen, Bergen; Hans Lehrach und Richard Reinhardt, Vertebrate Genomics, Max-Planck-Institut für Molekulargenetik, Berlin; und andere

Online-Veröffentlichung Science, 18. November 2010

WWW:
Genoscope, Evry
Chourrout Group, Sars Centre, Bergen
Oikopleura’s Fishing House
Chordata


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1 Kommentar zu "Revolutionärer Häuslebauer"

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  1. thodora Papst sagt:

    Ist das eventuell einer der viel gesuchten „außerirdischen“ Lebensformen, eingeschleppt vom Mars oder von irgendwo sonst über Meteore?

    TP