Posted in: Medizin 22. Oktober 2010 16:37 Weiter lesen →

Antikörper auf Abwegen

Mikroskopaufnahme zeigt zwei Nervenzellen als grün eingefärbte Gebilde mit blauen Kernen, darin markierte Antikörper als rote Punkte Neue Einsichten in eine rätselhafte Nervenerkrankung haben Würzburger Mediziner gewinnen können. Bei dem Stiff-Person-Syndrom, das zu einer Versteifung der gesamten Körpermuskulatur führt, greifen vom Körper selbst produzierte Antikörper ein Protein in Nervenzellen an – und das, obwohl das Ziel im Innern der Zellen liegt und nicht außen auf deren Oberfläche.

Gegen Amphiphysin gerichtete Antikörper (rot) sind in Nervenzellen (grün und blau) eingedrungen. Bild: Christian Geis/Universität Würzburg

„Wir haben mit mehreren Techniken nachgewiesen, dass die Antikörper ihr Ziel erreichen“, erklärt Claudia Sommer von der Universität Würzburg. Welche Wege die großen Antikörpermoleküle nähmen, sei bislang aber noch unbekannt. Die Erkundung dieser Wege könnte auch das Verständnis anderer Krankheiten vertiefen, die auf eine Autoimmunattacke zurückgehen, so die Neurologin.

Verglichen mit Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose oder Typ-1-Diabetes, ist das Stiff-Person-Syndrom sehr selten: Unter einer Million Menschen ist im Schnitt eine Person betroffen. Indem die fehlgeleiteten Antikörper ihr Ziel in Gehirn und Rückenmark angreifen, versteift sich die Muskulatur erst anfallartig und später dauerhaft, hinzu kommen übermäßige Schreckhaftigkeit und Platzangst.

Ziel der Antikörper ist das Protein Amphiphysin, das für die Funktion der Synapsen, der Kontaktstellen, zwischen Nervenzellen und zwischen Nerven und Muskeln nötig ist. Sommer und Kollegen, darunter auch Forscher aus Leipzig, Jena und Heidelberg, studierten den Angriff und seine Folgen an Ratten und Zellkulturen.

Sie fanden, dass die gegen Amphiphysin gerichteten Antikörper sehr spezifisch in solche Zellen gelangen, die das Zielprotein herstellen. Als Folge schütten die angegriffenen Nervenzellen an ihren Synapsen weniger Gamma-Aminobuttersäure (GABA) aus. Der Neurotransmitter trägt zur Feineinstellung der von einer Nervenzelle übertragenen Signale bei, indem er dämpfend auf die nachgeschaltete Zelle wirkt. Das Stiff-Person-Syndrom könnte also auf eine gestörte Feinabstimmung im Zentralnervensystem zurückgehen, vermuten Sommer und Kollegen.

Forschung: Christian Geis, Andreas Weishaupt und Claudia Sommer, Neurologische Klinik und Poliklinik der Julius-Maximilians-Universität Würzburg; und andere

Veröffentlichung Brain, DOI 10.1093/brain/awq253

WWW:
Neurologische Klinik, Uni Würzburg
The Synapse
Neurotransmitter

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Multiple Sklerose: Antikörper attackieren Nervenfasern


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