Der Methusalem unter den Lurchen
21. Juli 2010 05:46 Drucken
Nicht nur die bleiche Haut und die fehlenden Augen machen den Grottenolm zu einem ganz besonderen Lurch. Das belegen Daten aus einem langjährigen Zuchtprogramm in den französischen Pyrenäen. Haben die Höhlenbewohner erst einmal die kritische Jugendphase überstanden, scheinen sie extrem langsam zu altern.
Foto: Arne HodaliÄ via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution Share-Alike 3.0)
Die mittlere Lebenserwartung eines Grottenolms dürfte bei fast 70 Jahren liegen, schätzen Yann Voituron von der Universität Lyon 1 und seine Kollegen anhand der Daten über mehr als 400 Individuen. Schon dieser Wert liege um ein Vielfaches über jenem, der für einen Lurch dieser Größe typisch sei. Im Extremfall könnten die Tiere sogar mehr als 100 Jahre alt werden, schreiben die Forscher im Fachblatt “Biology Letters”.
Grottenolme (Proteus anguinus) gehören zur Verwandtschaft der Salamander und leben seit etwa 20 Millionen Jahren in Höhlen. Heute kommen sie natürlicherweise nur noch im Karstgebirge entlang der Adria vor. Doch bereits in den 50er-Jahren war in einer Höhle nahe des Pyrenäenörtchens Moulis mit der Zucht begonnen worden. Dort wird genauestens Buch geführt über Leben, Fortpflanzung und Sterben der bis zu 20 Gramm schweren und ellenlangen Lurche.
Weibliche Grottenolme werden demnach erst im Alter von 16 Jahren geschlechtsreif und laichen etwa alle 13 Jahre. Aus gut 40 Prozent der Eier schlüpfen Kaulquappen, von denen die Hälfte das erste Lebensjahr überlebt. Bis zum sechsten Lebensjahr steigt die jährliche Überlebenswahrscheinlichkeit allerdings auf über 98 Prozent und bleibt dann praktisch konstant. Zum Vergleich: Beim Menschen ist die Überlebensrate im Alter von etwa zehn Jahren maximal und sinkt dann kontinuierlich.
Damit stellen Grottenolme ein Problem für die gängigen Theorien zum Altern dar, schreiben Voituron und Kollegen. Denn einerseits arbeite der Stoffwechsel der Höhlenlurche nicht geruhsamer als der ähnlich großer Kaltblüter. Und andererseits weise das Blut der Tiere keine besonders hohe antioxidative Aktivität auf. Offenbar hätten Grottenolme kaum mit zellulärem “Verschleiß” als Folge der Sauerstoffatmung zu kämpfen, folgern die Forscher. Über die Gründe könne man derzeit aber nur spekulieren.
Forschung: Yann Voituron, Ecologie des Hydrosystèmes Fluviaux, UMR CNRS 5023, Université Claude Bernard Lyon 1, Villeurbanne; Michelle de Fraipont und Jean Clobert, Station d’Ecologie Expérimentale du CNRS à Moulis; und andere
Veröffentlichung Biology Letters, DOI 10.1098/rsbl.2010.0539
WWW:
Laboratoire d’Ecologie des Hydrosystèmes Fluviaux, Universität Lyon 1
EcoEx Moulis
Proteus anguinus
Mortalität
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