Forscher: Schimpansen töten für Land
Montag, 21. Juni 2010, 18:16 • Rubrik Anthropologie, Biologie, Soziales.
Schimpansen töten mitunter Artgenossen, die zu einer anderen Gruppe gehören. Eine Funktion dieser Gewaltakte ist die Erweiterung des eigenen Territoriums, ist ein amerikanisches Forschertrio nach jahrelangen Beobachtungen in Uganda überzeugt. Dort ging eine Schimpansengruppe zur gewohnheitsmäßigen Nutzung eines Gebiets über, in dem sie immer wieder Mitglieder einer Nachbargruppe getötet hatte.
Foto: Jens Klingebiel /Fotolia
Die Gruppe habe ihr Gebiet auf diese Weise um gut ein Fünftel erweitert und so Zugang zu mehr Nahrungsressourcen erhalten, schreiben die Anthropologen um John Mitani von der University of Michigan im Fachblatt “Current Biology”. Und möglicherweise würden dadurch auch fremde Weibchen zusätzlich ermuntert, sich der Gruppe anzuschließen.
Über tödliche Angriffe von Schimpansen auf Artgenossen hatte bereits die berühmte Forscherin Jane Goodall berichtet. Für die oft geäußerte Vermutung, die Aggression diene der Ausdehnung des Territoriums, habe es bislang aber kaum konkrete Belege gegeben, so Mitani. Einige Wissenschaftler seien sogar der Ansicht, das Verhalten werde überhaupt erst durch das “Anfüttern” der scheuen Tiere ausgelöst.
Mitani und Kollegen beschränkten sich bei ihren Studien im Kibale-Nationalpark dagegen auf das Beobachten der dort lebenden Schimpansen. Im Zeitraum 1999 bis 2008 wurden sie Zeuge, wie Trupps der großen Ngogo-Gruppe mehrmals Mitglieder anderer Gruppen attackierten und 18 von ihnen töteten – in der Mehrzahl Jungtiere. Drei weitere Fälle gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls auf das Konto der Ngogo-Gruppe.
Von den insgesamt 21 tödlichen Attacken ereigneten sich 13 am nordöstlichen Rand des Territoriums der Ngogo-Gruppe. Die betroffene Nachbargruppe wurde durch die Angriffe so stark dezimiert, dass sie schließlich weichen musste, glauben die Forscher. Im Sommer 2009 beobachteten sie in dem Gebiet erstmals nicht nur überwiegend männliche “Patrouillen” der Ngogo-Gruppe, sondern auch Weibchen mit Nachwuchs auf der Suche nach Nahrung.
Die Anthropologen warnen davor, Parallelen zum Krieg in der Welt des Menschen zu ziehen. Ergiebiger könnte es ihrer Ansicht nach sein, die Zusammenarbeit innerhalb beider Spezies zu vergleichen. “Die tödliche Gewalt zwischen Schimpansengruppen, wie wir sie beobachtet haben, ist kooperativ, da sie Koalitionen männlicher Tiere erfordert, die andere attackieren”, so Mitani. Die gewonnenen Ressourcen würden wiederum von der gesamten Gruppe genutzt.
Forschung: John C. Mitani, Department of Anthropology, University of Michigan, Ann Arbor; David P. Watts, Department of Anthropology, Yale University, New Haven, Connecticut; Sylvia J. Amsler, Department of Sociology and Anthropology, University of Arkansas, Little Rock
Veröffentlichung Current Biology, Vol. 20(12), R1-R2
WWW:
John Mitani, University of Michigan
Über Schimpansen
The ABC’s of Chimpanzee Behaviour
Kibale National Park
Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Schimpansen begreifen Feuer
Tödliche Schimpansinnen
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“Die Anthropologen warnen davor, Parallelen zum Krieg in der Welt des Menschen zu ziehen. Ergiebiger könnte es ihrer Ansicht nach sein, die Zusammenarbeit innerhalb beider Spezies zu vergleichen. “Die tödliche Gewalt zwischen Schimpansengruppen, wie wir sie beobachtet haben, ist kooperativ, da sie Koalitionen männlicher Tiere erfordert, die andere attackieren”, so Mitani. Die gewonnenen Ressourcen würden wiederum von der gesamten Gruppe genutzt.”
Ich verstehe nicht, warum dies keine Parallele sein sollte – auch Menschen kooperieren (bis in hochstrukturierter Weise und mit viel Gerät), um Ressourcenkriege zu führen. Was sind Kriege anderes? Was ich persönlich eher daraus schließe, ist dass dies ein evolutionär sehr altes Muster ist, das durch komplexere Formen wie soziale Kooperation möglicherweise großräumig “erfolgreicher” (hässlich in diesem Zusammenhang) prozessiert werden kann. Das spricht niemanden “biologisch” frei – sondern fordert zu höchster Verantwortung auf, gerade weil man die Stärke dieses Musters in vielen Verkleidungen kennt.
Mitani selbst formuliert das so: “Warfare in the human sense occurs for lots of different reasons. I’m just not convinced we’re talking about the same thing.” Ich könnte mir gut vorstellen, dass in dieser Aussage auch die Angst vor einem soziobiologisch inspirierten Generalablass für Krieg und andere Formen kollektiver Gewalt mitschwingt. In jedem Fall würde ich Ihnen beipflichten: Wir sollten intelligent genug sein, uns aus einem solchen Muster lösen zu können.