Posted in: Biologie, Paläontologie 3. Juni 2010 19:02 Weiter lesen →

Nashorn im evolutionären Zangengriff

Ölbild zeigt Nashorn mit grauem Fell in Savannenlandschaft mit schulterhohem Gras Fast eine Million Jahre lang lebte in Europa ein Nashorn, das im Wald ebenso satt wurde wie im Offenland. Den Grund für das jähe Verschwinden dieses Erfolgsmodells glauben Weimarer und Hamburger Forscher gefunden zu haben. Das Ende des Generalisten kam demnach, als ihm zwei spezialisierte Verwandte an beiden Enden seines Nahrungsspektrums Konkurrenz machten.

Bild: C. C. Flerov, Sammlungen Senckenberg Weimar

Seine große Flexibilität sicherte dem Hundsheim-Nashorn Tausende von Generationen lang das Überleben, sind Ralf-Dietrich Kahlke vom Forschungsinstitut Senckenberg und Thomas Kaiser von der Universität Hamburg überzeugt. Mit dem Auftauchen von Waldnashorn und Steppennashorn wurde ihm seine geringe Spezialisierung jedoch zum Verhängnis.

Das Hundsheim-Nashorn (Stephanorhinus hundsheimensis) verschwand vor etwa 500.000 Jahren binnen kurzer Zeit aus Europa. Um mehr über die Ursachen zu erfahren, untersuchten Kahlke und Kaiser mehrere Hundert Fossilien der Spezies, die bei Voigtstedt und Süßenborn in Thüringen geborgen worden waren. Besonders interessierten sie sich für das Gebiss und seine Abnutzung.

Foto zeigt langen Schädel eines Nashorns, im Oberkiefer eine Reihe kräftiger Zähne Foto: T. Korn, Senckenberg Weimar

Der Vergleich mit modernen Pflanzenfressern offenbarte ein erstaunlich breites Nahrungsspektrum. Bei den Voigtstedter Hundsheim-Nashörnern scheint die Zahnabnutzung hauptsächlich auf den Kontakt zwischen Oberkiefer- und Unterkieferzähnen zurückgehen – die Tiere dürften demnach vornehmlich weiches Waldlaub gefressen haben. Bei den Süßenborner Artgenossen überwiegt dagegen die Schleifwirkung von hartem, silikatreichem Gras. Eine derartige ökologische Toleranz sei von keiner anderen ausgestorbenen oder noch lebenden Tierart bekannt, so Kahlke und Kaiser.

Für den Generalisten änderte sich die Lage, als im Zuge längerer Kälte- und Wärmeperioden zwei hochspezialisierte Verwandte auftauchten, das Waldnashorn (S. kirchbergiensis) und das Steppennashorn (S. hemitoechus). Beide begannen, ihren flexiblen Verwandten auf ihren jeweiligen „Spezialgebieten“ zu verdrängen.

„Dass Arten aussterben, ist etwas vollkommen Normales“, erklärt Kahlke. „Dass das so ist, ist allerdings kein Freibrief für die Umweltsünden der modernen Industriegesellschaft.“ Das derzeit zu beobachtende Massensterben von Arten sei in der Erdgeschichte ohne Beispiel.

Forschung: Ralf-Dietrich Kahlke, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen, Forschungsstation für Quartärpaläontologie, Weimar, und Thomas M. Kaiser, Biozentrum Grindel und Zoologisches Museum, Universität Hamburg

Veröffentlichung Quaternary Science Reviews, DOI 10.1016/j.quascirev.2009.12.012

WWW:
Quartäre Großsäuger, Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft
Biozentrum Grindel und Zoologisches Museum, Uni Hamburg
Rhinoceros
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1 Kommentar zu "Nashorn im evolutionären Zangengriff"

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  1. Belzer sagt:

    Die beiden spezialisierten Verwandten, das Waldnashorn (S. kirchbergiensis) und das Steppennashorn (S. hemitoechus), dürften sich aus dem Hundsheim-Nashorn (Stephanorhinus hundsheimensis) entwickelt haben, das damit nicht ausgestorben wäre, sondern sich in 2 Arten oder Rassen aufgespalten hätte.