Früher Düsenflitzer
Mittwoch, 26. Mai 2010, 19:06 • Rubrik Biologie, Paläontologie.
Das Rätsel um ein gut 500 Millionen Jahre altes Fossil glauben kanadische Forscher gelöst zu haben. Bislang nur in Form eines einzigen Exemplars bekannt, dürfte es sich bei dem seltsamen Tier um einen kleinen Urahn von Kraken und Kalmaren handeln. Deutlichstes Indiz ist der typische Trichter, der Kopffüßern eine Fortbewegung per Düsenantrieb ermöglicht.
Nectocaris pteryx war vermutlich ein flinker Schwimmer. Grafik: Copyright 2009 Marianne Collins
Anders als seine moderne Verwandtschaft besitzt der fingerlange Nectocaris pteryx allerdings nur zwei Fangarme, berichten Martin Smith und Jean-Bernard Caron vom Royal Ontario Museum und der Universität Toronto im Magazin “Nature”. Zudem fehlen Hinweise auf ein Kalkskelett, wie es bislang als typisch für die ersten Kopffüßer galt.
Offenbar müsse die Evolution der Kopffüßer noch einmal gründlich überdacht werden, erklärt Smith. Lange Zeit habe man angenommen, die Kopffüßer seien aus kriechenden, schneckenähnlichen Tieren hervorgegangen, deren Schale nach und nach zu einem Auftriebskörper umgestaltet wurde. “Nectocaris zeigt uns dagegen, dass die ersten Kopffüßer ohne die Hilfe einer gasgefüllten Schale zu schwimmen begannen. Die Schalen kamen viel später.”
Nectocaris pteryx war erstmals im Jahr 1976 auf Basis eines einzigen Fossils beschrieben worden, das aus dem berühmten Burgess-Schiefer in den kanadischen Rocky Mountains stammte. Mit was für einem Tier man es zu tun hatte, war allerdings unklar – wies das Fossil doch Ähnlichkeit sowohl mit Gliederfüßern als auch mit Chordaten auf, zu denen auch die Wirbeltiere gehören. Smith und Caron nahmen nun 91 weitere Exemplare unter die Lupe, die zwischenzeitlich gesammelt worden waren und an denen einzelne Körperstrukturen besser erkennbar sind.
Foto: Jean-Bernard Caron
Die von den beiden Forschern entwickelte Rekonstruktion erinnert äußerlich an eine Kreuzung von Kalmar und Sepie. Von Tentakelspitze bis Rumpfende höchstens sieben Zentimeter lang, besaß Nectocaris demnach einen kurzen Kopf samt großen Augen und einem Paar Fangarme. An der Unterseite des Kopfes saß ein schwenkbarer Trichter, der in eine geräumige Körperhöhle mit einem Paar Kiemen mündete. An den Seiten des rautenförmigen Rumpfes saßen zudem zwei kräftige, dreieckige Flossen, sodass Nectocaris auch ohne Düsenantrieb ein flinker Schwimmer gewesen sein dürfte.
Möglicherweise handle es sich bei zwei ebenfalls “problematischen” Fossilien aus Australien und China um nahe Verwandte von Nectocaris, so Smith weiter. “Unsere Resultate zeigen, dass der Ursprung der Kopffüßer 30 Millionen Jahre älter ist als bislang angenommen und sehr viel näher an der ‘Kambrischen Explosion’ liegt, dem ersten Auftauchen komplexer Tiere.”
Forschung: Martin R. Smith und Jean-Bernard Caron, Department of Ecology and Evolutionary Biology, University of Toronto, und Department of Natural History, Royal Ontario Museum, Toronto
Veröffentlichung Nature, Vol. 465, 27. Mai 2010, pp 469-72, DOI 10.1038/nature09068
WWW:
Royal Ontario Museum
The Burgess Shale: Evolution’s Big Bang
Creatures of the Burgess Shale
The Cephalopoda
Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Kambrium: Ein neuer Anfang
Ein Platz für Panzerwürmer
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Man sollte solchen paläontologischen Schlussfolgerungen immer kritisch gegenüberstehen. Auch in der Vergangenheit wurden manche mittel-kambrischen Tierarten des Burgess-Schiefer vollkommen verkehrt interpretiert. Nectocaris pteryx war sicherlich ein schneckenförmiges Weichtier. Ein Vorfahre der Tintenschnecken (Squide) war es jedoch nicht, da ihm, wie im Artikel erwähnt, ein Kalkskelett fehlt.