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Ein bißchen Neandertaler steckt in jedem modernen Menschen

Donnerstag, 6. Mai 2010, 20:02 • Rubrik Anthropologie.

Svante Pääbo mit dem Schädel eines Neandertalers Die frühen Gattungen des Menschen waren wohl doch kontaktfreudiger als bisher angenommen. Daher steckt in jedem Homo sapiens auch ein kleines Stückchen Neandertaler, sagen Anthropologen aus Leipzig. Sie veröffentlichten jetzt eine erste Version der Genomsequenz des Neandertalers.

Svante Pääbo mit Neandertalerschädel. Foto: Frank Vinken /Max-Planck-Gesellschaft

An der Entschlüsselung des Genoms arbeiteten die Forscher um Svante Pääbo, Direktor der Abteilung für Evolutionäre Genetik des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie, rund vier Jahre. Die Ergebnisse stellen sie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Science vor. Ihre Version der Neandertaler-Sequenz basiert auf der Analyse von mehr als einer Milliarde DNA-Fragmente. Diese stammen aus mehreren Knochen, die im Neandertal in Deutschland sowie in Kroatien, Spanien und Russland gefunden wurden. Insgesamt könne man mehr als sechzig Prozent des Gesamtgenoms rekonstruieren, sagen die Forscher.

Vergleiche ergaben, dass im Genom heute lebender Menschen bis zu vier Prozent der DNA vom Neandertaler stammen können. “Diejenigen von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich”, sagt Pääbo. Bei vorangegangen Untersuchungen der DNA von Mitochondrien der Neandertaler hatte man für eine Vermischung noch keine Hinweise gefunden.

Außerdem soll der Neandertaler ein wenig mehr genetische Gemeinsamkeiten mit den Menschen außerhalb Afrikas als mit den Afrikanern haben. Zugleich ähnelt sein Genom der Sequenz von Europäern im gleichen Ausmaß wie der von Ostasiaten. “Neandertaler haben sich wahrscheinlich mit frühen modernen Menschen vermischt bevor Homo sapiens sich in Europa und Asien in verschiedene Gruppen aufspaltete”, vermutet Pääbo. Dies sei in einem Zeitraum zwischen 100.000 bis 50.000 Jahren im Mittleren Osten möglich gewesen, noch bevor sich die menschliche Population über Eurasien ausgebreitet habe.

Entnahme von Substanz aus einem Neandertaler-Knochen Entnahme von Knochenpulver zur Analyse. Foto: Frank Vinken /Max-Planck-Gesellschaft

Die Forscher glauben darüber hinaus Gene ausfindig gemacht zu haben, die möglicherweise eine wichtige Rolle in der menschlichen Evolution spielten. Die Gene sollen mit kognitiven Funktionen, mit dem Stoffwechsel und mit der Entwicklung von Schädel, Schlüsselbein und Brustkorb zusammenhängen. In dieser Frage seien allerdings noch genauere Analysen nötig, schränken die Forscher ein.

Den Großteil der DNA für ihre Untersuchung gewann das Forschungsteam aus insgesamt 400 Milligramm Knochenpulver aus Knochen dreier weiblicher Neandertaler, die in einer Höhle in Kroatien ausgegraben wurden und dort vor mehr als 38.000 Jahren lebten. Der Grad der Verunreinigung der Proben war offenbar hoch: “Mehr als 95 Prozent der DNA in einer Probe stammen von Bakterien und Mikroorganismen, die den Neandertaler nach seinem Tod besiedelten”, sagt Pääbo. Er hat angekündigt, auch die verbleibende Sequenz des Neandertalers entschlüsseln und so detaillierte Informationen zu unseren nächsten Verwandten erfahren zu wollen.

Forschung: Richard E. Green, Johannes Krause, Adrian W. Briggs, Svante Pääbo u.a., in “Science”, 7.5.2010, Vol 328, Issue 5979, S. 710-722

WWW:
Arbeitsgruppe Svante Pääbo, MPI für evolutionäre Anthropologie
Abstract in “Science”

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Ein Neandertaler aus der Nordsee


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