Stelldichein der Frühmenschen
Mittwoch, 24. März 2010, 19:00 • Rubrik Anthropologie, Archäologie, Genetik.
Auf einen neuen Zweig im Stammbaum des Menschen sind Leipziger Forscher möglicherweise gestoßen. In einem Fingerknochen aus einer sibirischen Höhle fanden sie DNA, die offenbar zu einem bislang unbekannten Vetter von Neandertaler und modernem Mensch gehört.
Foto: Bence Viola
Das Individuum dürfte vor 30.000 bis 50.000 Jahren im Hochgebirge des Altai gelebt haben, so die Forscher um Johannes Krause und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Etwa zeitgleich hätten in der Region auch die beiden anderen Menschenarten gelebt. Möglicherweise sei es dort erst spät zu einer vollständigen Verdrängung wie im westlichen Europa gekommen, schreibt die Gruppe im Magazin “Nature”.
Bei dem Knochen handelt es sich um das letzte Glied eines kleinen Fingers. Er war im Jahr 2008 in der Denisova-Höhle entdeckt worden, die ihren Namen einem Einsiedler im 18. Jahrhundert verdankt. Tatsächlich nutzten Menschen die Höhle über einen Zeitraum von 125.000 Jahren immer wieder als Unterschlupf, haben archäologische Untersuchungen ergeben.
Krause, Pääbo und Kollegen extrahierten und sequenzierten die DNA aus einigen Milligramm Knochenpulver. Dabei konzentrierten sie sich auf das Erbgut der Mitochondrien. Jede Zelle beherbergt mehrere Hundert bis Tausend dieser “Kraftwerke”, sodass sich deren DNA nach Jahrtausenden im Erdreich am ehesten rekonstruieren lässt.
Tatsächlich gelang es den Forschern, die komplette Mitochondrien-DNA des Individuums zu lesen. Der Vergleich mit den Pendants von modernem Mensch, Neandertaler, Bonobo und Schimpanse lieferte eine handfeste Überraschung: Der Höhlenbewohner gehörte demnach zu einer Entwicklungslinie, die sich schon vor gut einer Million Jahren von jener Linie abgespalten hat, die letztlich zum Neandertaler und zum modernen Menschen führte.
Wahrscheinlich handle es sich aber nicht um einen Homo erectus, schreiben Krause, Pääbo und Kollegen. Dieser Frühmensch sei nämlich schon vor 1,9 Millionen Jahren aus Afrika und damit aus der mutmaßlichen Wiege auch des modernen Menschen ausgezogen. Daher liege der Verdacht nahe, dass der Bewohner der Denisova-Höhle zu einem bislang unbekannten Seitenast im menschlichen Stammbaum gehöre. Gewissheit erhoffen sich die Forscher von der Entdeckung weiterer Knochen und von der Rekonstruktion von Teilen der Zellkern-DNA.
Forschung: Johannes Krause, Qiaomei Fu und Svante Pääbo, Abteilung Evolutionäre Genetik, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig; und andere
Online-Veröffentlichung Nature, 24. März 2010, DOI 10.1038/nature08976
WWW:
Arbeitsgruppe Svante Pääbo, MPI für evolutionäre Anthropologie
Human Family Tree
The first migrations out of Africa
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Hallo,
vielleicht sollte noch erwähnt werden, daß durch das kalte Klima der Erhaltungszustand so gut ist. Sicher sind diverse Archäologen schon unerkannterweise über “den” in wärmeren Gefilden gestolpert.
Gruß
G.Aust