Erfolgsmodell Eisbär
Montag, 1. März 2010, 21:03 • Rubrik Biologie, Klima, Umwelt.
Wo sich eine Gelegenheit eröffnet, kann die Evolution sehr rasch ablaufen. Das zeigt der uralte Kiefer eines Eisbären, den eine norwegisch-amerikanische Forschergruppe untersucht hat. Ausgehend von dem im Knochen enthaltenen Erbgut, ist die Linie der Eisbären vor rund 150.000 Jahren von der Braunbärlinie abgezweigt und hat binnen kurzer Zeit die typischen Anpassungen an den Lebensraum Meereis entwickelt.
Foto: Jan Will /Fotolia
Frühere Schätzungen zum Alter der Eisbärlinie hätten weit auseinander gelegen, erläutert Charlotte Lindqvist von der University at Buffalo im US-Bundessstaat New York. Ein Grund dafür sei die extreme Seltenheit entsprechender Fossilien, so die Forscherin: “Eisbären leben auf dem Eis, sodass ihre Kadaver zum Meeresgrund sinken oder rasch von Aasfressern beseitigt werden.”
Der von Lindqvist und ihren Kollegen untersuchte Unterkiefer war im Jahr 2004 auf einem schmalen Eiland des Spitzbergen-Archipels entdeckt worden. Geborgen aus 110.000 bis 130.000 Jahre altem Sediment, weist er äußerlich alle eisbärtypischen Merkmale auf. Diese Zuordnung fanden die Forscher bestätigt, als sie das im Knochen enthaltene Erbgut isolierten und die kurze DNA der Mitochondrien, der Zellkraftwerke, sequenzierten.
Nach dem Vergleich mit Mitochondrien-DNA moderner Braun- und Eisbären schätzen die Forscher, dass das Individuum von Spitzbergen vor 134.000 Jahren und kaum 20.000 Jahre nach der Abspaltung von den Braunbären lebte. In dieser relativ kurzen Zeit scheinen die Eisbären ihre typische Erscheinung entwickelt und auch ihre Ernährung vollständig umgestellt zu haben.
Aus den Konzentrationsverhältnissen unterschiedlicher Kohlenstoff- und Stickstoffisotope im Knochen schließen Lindqvist und ihre Kollegen, dass der Kiefer von einem “Spitzenräuber” stammt, der sich überwiegend von größeren Fleischfressern im Meer ernährte. Robben dürften auf dem Speiseplan der Eisbären also schon damals ganz oben gestanden haben.
Forschung: Charlotte Lindqvist und Stephan C. Schuster, Department of Biological Sciences, University at Buffalo, und Center for Comparative Genomics and Bioinformatics, Pennsylvania State University, University Park; Øystein Wiig, National Centre for Biosystematics, Naturhistorisk museum, Universitetet i Oslo; und andere
Veröffentlichung PNAS, DOI 10.1073/pnas.0914266107
WWW:
Biological Sciences, University at Buffalo
National Center for Bioinformatics, Universität Oslo
Eisbär
Klimawandel und Kryosphäre
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