Posted in: Genetik, Medizin 16. Februar 2010 22:00 0 Kommentare Weiter lesen →

Herz und Kreislauf: Gentests wenig hilfreich

Zeichnung des Herzens im geöffneten Brustkorb Wenn es um die Gefahr für Herz und Kreislauf geht, sollten Ärzte ihre Patienten an den “klassischen” Risikofaktoren messen. Zu diesem Schluss kommen amerikanische Mediziner nach einer Studie mit rund 19.000 Frauen. Die gleichzeitige Berücksichtigung zahlreicher Genvarianten erwies sich dabei als nutzlos für die Einschätzung von Erkrankungs- und Sterberisiko – im Gegensatz zu Faktoren wie familiärer Vorbelastung, Cholesterinspiegel und Blutdruck.

Dieses Resultat sei nicht nur im Hinblick auf den boomenden Markt für Gentests von Relevanz, erläutern Nina Paynter vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und ihre Kollegen. Zugleich bestätige es die Nützlichkeit der Anamnese wie auch der Laborwerte, welche sich letztlich aus dem Zusammenspiel von Erbgut und Umwelt ergäben, schreibt die Gruppe im “Journal of the American Medical Association”.

Bei Genomstudien wurden in den letzten Jahren zahlreiche Genvarianten gefunden, die bei Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bzw. mit ausgeprägten Risikofaktoren häufiger vorkommen als im Bevölkerungsmittel. Ob diese Varianten bei der Einschätzung des Erkrankungsrisikos helfen können, war jedoch unklar. Paynter und Kollegen, darunter auch ein Angestellter des Biotechnologie-Unternehmens Amgen, gingen dieser Frage im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts nach.

Die Wissenschaftler ermittelten 101 Variationen einzelner DNA-Bausteine (Single Nucleotide Polymorphisms, SNP), für die ein Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen bzw. Risikofaktoren gefunden worden war. Dann zählten sie, wie viele dieser Varianten im Erbgut von 19.313 Frauen mittleren Alters vorhanden waren. Alle Frauen waren anfänglich gesund. Während der Beobachtungszeit von 12,3 Jahren kam es in der Gruppe jedoch zu 199 Herzinfarkten, 203 Schlaganfällen sowie 63 kardiovaskulären Todesfällen. Zudem wurden 312 Eingriffe zur Öffnung bzw. Umgehung verengter Blutgefäße durchgeführt.

In der Rückschau ergab sich für jenes Drittel der Frauen, das die meisten Risikovarianten aufwies, ein 10-Jahres-Risiko von 3,7 Prozent für solche Ereignisse. Für das Drittel mit den wenigsten Varianten lag der Wert bei 3,0 Prozent und statistisch gesehen klar niedriger, ermittelten Paynter und Kollegen. Sobald sie jedoch Faktoren wie Cholesterinspiegel oder Blutdruck berücksichtigten, ging die Aussagekraft der Genvarianten gegen null. Die Frage, ob ein Familienmitglied vor dem 60. Geburtstag einen Herzinfarkt erlitten hatte, erlaubte dagegen in jedem Fall eine bessere Risikoeinschätzung.

Die Bedeutung genetischer Daten für das Verständnis von Herz-Kreislauf-Erkrankungen werde durch die neuen Ergebnisse nicht geschmälert, betonen die Forscher. Ihre Studie liefere jedoch “keine Belege, die dafür sprechen würden, die derzeit bekannten genetischen Marker in klinische Werkzeuge zur Bewertung des kardiovaskulären Risikos aufzunehmen”.

Forschung: Nina P. Paynter und Paul M. Ridker, Center for Cardiovascular Disease Prevention und Divisions of Preventive Medicine und Cardiovascular Diseases, Brigham and Women’s Hospital, Boston, Massachusetts; Joseph P. Miletich, Amgen Inc., Thousand Oaks, Kalifornien; und andere

Veröffentlichung JAMA, Vol. 303(7), pp 631-7

WWW:
Preventive Medicine, Brigham and Women’s Hospital
A Catalog of Published Genome-Wide Association Studies
Deutsche Herzstiftung
Der Herz-Klassiker

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