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Filter-Musik hilft gegen Tinnitus

Montag, 28. Dezember 2009, 21:00 • Rubrik Medizin.

Nahaufnahme einer menschlichen Ohrmuschel mit ihren Windungen und 'Querstreben' Menschen mit Tinnitus können auf relativ einfache Weise lernen, ihre Ohrgeräusche nicht mehr wahrzunehmen. Das haben Münsteraner Forscher im Rahmen einer kleinen Pilotstudie ermittelt. Ihre Probanden hörten regelmäßig Musik, aus der die Frequenz “ihres” Ohrklingelns herausgefiltert worden war. Im Laufe der Zeit nahm die Intensität des Tinnitus deutlich ab.

Foto: Ildar Sagdejev via Wikimedia.org (Creative Comons Attribution Share Alike 3.0)

Eine Behandlung nach diesem Prinzip sei für die Patienten alles andere als lästig, da sich die jeweilige Lieblingsmusik filtern lasse, berichten die Forscher um Christo Pantev von der Universität Münster in den “Proceedings of the National Academy of Sciences”. Da sie zudem kostengünstig sei, könnte sie eine wertvolle Ergänzung zu psychologischen Therapien darstellen.

Tinnitus wurde schon vor über 3.000 Jahren von den alten Griechen beschrieben, heute plagen sich schätzungsweise ein bis drei Prozent der Bevölkerung mit den Ohrgeräuschen herum. Wie genau diese entstehen, ist allerdings noch immer unklar.

soundfile-symbol Klassische Musik eignet sich mit ihrem breiten Frequenzgang besonders gut für die Filterung. Das Original …

Im Rahmen früherer Studien waren Veränderungen der Hörrinde des Großhirns bei Tinnituspatienten gefunden worden: die “Frequenzkarte”, gewissermaßen eine Klaviatur im Kopf, ist im Bereich der Tinnitusfrequenz umso stärker deformiert, je intensiver die Ohrgeräusche wahrgenommen werden. Pantev und Kollegen versuchten, die neuronale Klaviatur durch Entzug der betroffenen Frequenz wieder geradezubiegen.

soundfile-symbol … und die gefilterte Version. Klangbeispiele: Courtesy PNAS

Dazu filterten die Forscher aus der Lieblingsmusik von acht Patienten die jeweilige Tinnitusfrequenz heraus. Bei allen stellte sich binnen zwölf Monaten, in denen sie die gefilterte Musik pro Tag ein bis zwei Stunden lang hörten, eine deutliche Besserung ein. Nicht nur nahmen sie die Geräusche teils nur noch halb so laut wahr wie zu Beginn der Studie. Auch die objektiv messbare Hirnreaktion auf Töne mit der Tinnitusfrequenz fiel nun schwächer aus. In zwei weiteren Patientengruppen, die mit einem variablen Filter bzw. nicht bearbeitete Musik hörten, zeigten sich dagegen keine systematischen Veränderungen.

Offenbar hatten sich die Kräfteverhältnisse in der Hörrinde wieder etwas normalisiert, folgern Pantev und Kollegen. Den Grund für diesen Effekt vermuten sie in der lateralen Hemmung – einem Mechanismus, der auch in der Netzhaut der Augen als Kontrastverstärker fungiert. Dabei hemmen Nervenzellen, wenn sie aktiviert werden, ihre unmittelbaren Nachbarn. Das Hören gefilterter Musik würde also bewirken, dass die für die Tinnitusfrequenz zuständigen Nervenzellen nicht aktiviert und zugleich durch ihre Nachbarn gehemmt werden. Als Resultat verlernt das Gehirn regelrecht, die Ohrgeräusche wahrzunehmen.

Forschung: Hidehiko Okamoto, Henning Stracke, Wolfgang Stoll und Christo Pantev, Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse, Westfälische Wilhelms-Universität, und Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, und Ohrenheilkunde, Universitätsklinikum Münster

Veröffentlichung PNAS, DOI 10.1073/pnas.0911268107

WWW:
Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse, Uni Münster
Tinnitus – Das große Pfeifen
The Auditory Cortex
Laterale Hemmung

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Aufmerksamkeit begünstigt Ohrgeräusche



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6 Kommentare for “Filter-Musik hilft gegen Tinnitus”

  1. Rolf Knop

    Ein Hallo an den Empfänger,
    ich leide seit vielen Jahren am Ohrgeräusch und finde es immer noch unerträgich.
    Kann man die von Ihnen angewendete Frequenzselektion nicht auf Hörgeräte
    übertragen und auch hier die betroffenen Frequenzen bei abdecken?

    Gerne würde ich die von Ihnen entwickelte methode auch einmal bei mir anwenden wollen.

    Mit freundlichen Grüßen Rolf Knop

  2. Meinke

    Hallo, Herr Knop, die Idee mit dem Hörgerät klingt spannend! Für nähere Informationen zu der Münsteraner Tinnitusstudie wenden Sie sich am besten direkt an die Forscher um Prof. Pantev. Die Gruppe hat eine eigene WWW-Seite eingerichtet:
    http://campus.uni-muenster.de/ibbtinnitusstudie.html

  3. Sehr geehrter Herr Knop,

    die Firma Promedicum http://www.promedicum.de bietet einen solchen Service an. Dort können Sie eine für Sie speziell gefilterte CD erwerben oder sich Ihre Musik filtern lassen.
    Mit freundlichen Grüße Max S.

  4. Meinke

    Um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Auf unsere Nachfrage antwortet die Münsteraner Gruppe, dass sie am 9. Februar 2009 erstmals von Promedicum gehört hat und in keinerlei Beziehung zu der Firma steht.

  5. Max S.

    Ich habe mal bei der Firma Promedicum nachgefragt, was die dort angebotene maßgeschneiderte Musik mit Münster zu tun hat, hier die Antwort:

    Sehr geehrter Herr Schmidt,

    wir antworten Ihnen gerne auf Ihre Frage, vor allem weil viele unserer Kunden die gleiche Frage stellen.

    In die Entwicklung unsere Promedicum-Produkte fließt der aktuelle Forschungsstand der neurophysiologischen Tinnitusforschung ein. Das heißt, wir bieten Produkte an, die auf fachlich hochqualifizierten medizinischen Studien beruhen.

    Die frequenzgefilterte Musik, die wir anbieten, bezieht sich auch auf die letzte Studie aus Münster und deren Vorarbeiten sowie die neurophysiologischen Untersuchungen der letzten Jahre. Hier wird erstmals eine kausale Therapie postuliert, also eine Ursachenbekämpfung des Tinnitus direkt im Gehirn.

    Die Studie entspricht einer hohen Evidenzklasse. Es wurden auch nicht nur subjektive Ergebnisse (also die wahrgenommene Tinnitus-Lautstärke), sondern auch objektive Messungen (Messung von Hirnströmen) untersucht und ausgewertet.

    Eine Kooperation mit der Forschungsgruppe der Universität Münster besteht zur Zeit nicht. Promedicum selbst ist kein forschendes Unternehmen.

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