Posted in: Biologie, Chemie, Medizin 28. Dezember 2009 17:50 Weiter lesen →

Desinfektionsmittel können Bakterien abhärten

Colorierte Raster-EM-Aufnahme zeigt rötliche, wurstförmige Zellen auf einer unregelmäßig geformten, bläulichen Unterlage Wer Desinfektionsmittel allzu sorglos einsetzt, riskiert die Entstehung von Antibiotikaresistenzen. Dieser Verdacht wird durch Experimente irischer Mikrobiologen erhärtet. Indem Bakterien schädliche Substanzen verstärkt aus ihren Zellen pumpten, wurden sie auch weniger empfindlich gegenüber einem gängigen Antibiotikum.

Bild: CDC/Janice Haney Carr

Diese Beobachtung verdeutliche, wie wichtig der korrekte Umgang mit Desinfektionsmitteln sei, erklärt Gerard Fleming von der National University of Ireland in Galway. „Reste von falsch verdünnten Desinfektionsmitteln auf dem Fußboden eines Krankenhauses könnten das Wachstum antibiotikaresistenter Bakterien begünstigen“, so der Forscher. „Noch besorgniserregender ist, dass die Bakterien die Anpassung an Antibiotika offenbar vollziehen können, ohne diesen ausgesetzt zu sein.“

Fleming und seine Arbeitsgruppe studierten die Anpassungsfähigkeit von Pseudomonas aeruginosa, einem Bakterium, das vor allem bei abwehrgeschwächten Patienten und Brandopfern hartnäckige Infektionen verursachen kann. Die Forscher legten Kulturen des Bakteriums mit geringen Konzentrationen von Benzalkoniumchlorid an und ließen diese wochenlang wachsen.

Anfänglich genügten 25 Milligramm des Desinfektionsmittels pro Liter Kulturlösung, um einen merklichen Effekt auf die Bakterien zu haben. Ein nach 29 Tagen isolierter Stamm sprach dagegen erst auf 350 Milligramm Benzalkoniumchlorid pro Liter an, berichten die Forscher im Fachblatt „Microbiology“. Damit nicht genug, erwies sich dieser Stamm auch als resistent gegen das Antibiotikum Ciprofloxacin. Wurden Pseudomonaden umgekehrt in Gegenwart geringer Antibiotikakonzentrationen kultiviert, reagierten sie schließlich weniger empfindlich auf das Desinfektionsmittel.

Der Hauptgrund für die erhöhte Widerstandskraft war eine erhöhte Aktivität eines Proteinsystems, das Verbindungen aus der Zelle hinauspumpt, ermittelten Fleming und Kollegen. Möglicherweise könne man dieser Entwicklung entgegenwirken, indem man gleichzeitig mehrere Desinfektionsmittel anwende, so der Forscher. „Wir müssen nun untersuchen, wie sich der Einsatz von mehr als einem Desinfektionsmittel-Typ auf die Entwicklung antibiotikaresistenter Stämme auswirkt.“

Der Wert der höheren Widerstandskraft variiert allerdings mit den Umweltbedingungen, beobachteten die Wissenschaftler. Stellten sie den Bakterien reichlich Zucker zur Verfügung, wuchs der „abgehärtete“ Pseudomonas-Stamm deutlich rascher als der Ausgangsstamm. Bei Zuckermangel gewann jedoch der Ausgangsstamm die Oberhand.

Forschung: Paul H. Mc Cay, Alain A. Ocampo-Sosa und Gerard T. A. Fleming, Department of Microbiology, School of Natural Sciences, National University of Ireland, Galway

Veröffentlichung Microbiology, Vol. 156, pp 30-8, DOI 1099/mic.0.029751-0

WWW:
Microbial Oceanography Research Unit, NUI Galway
Pseudomonas aeruginosa
Desinfektionsmittel nur mit Vorsicht einsetzen
Efflux

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Desinfektionsmittel begünstigen Antibiotikaresistenzen
Haushalt: „Antibakteriell“ ist nutzlos


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2 Kommentare zu "Desinfektionsmittel können Bakterien abhärten"

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  1. Flo sagt:

    War das nicht klar?

    Jede Nutzung von Antibiotika, Desimittel oder der gleichem wird die Bakterien immunisieren.

    Ich würde selbst sogenannte Silber Ionen meiden. Überlasst doch bitte all diese Mittel den Krankenhäusern. Sonst wird MRSA noch schlimmer…

  2. nietsch sagt:

    Selbstverständlich können Desinfektionsmittel diverse Resistenzen hervorrufen. Daher sollten in privaten Räumen nicht unbedingt Desinfektionsmittel verwendet werden. Behutsam und nur wenn wirklich notwendig.