Steinzeitliches Müsli
17. Dezember 2009 20:00 Drucken
Getreide steht sehr viel länger auf dem Speisezettel des Menschen als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommt ein kanadischer Archäologe nach Untersuchungen in einer ostafrikanischen Höhle. Dort gefundenen steinzeitlichen Werkzeugen haften winzige Stärkekörner an, von denen die meisten aus Hirsesamen stammen.
Foto: Grady Semmens, University of Calgary
Wahrscheinlich hätten die Bewohner der Höhle schon vor 100.000 Jahren Grassamen gesammelt und verarbeitet, folgert Julio Mercader von der University of Calgary. “Dies geschah in der mittleren Altsteinzeit”, so der Forscher, “und damit in einer Periode, in der das Sammeln von wildem Getreide nach bisheriger Auffassung keine Rolle spielte, im Gegensatz zu Wurzeln, Früchten und Nüssen.”
Mercader studierte Fundstücke aus der Ngalue-Höhle im äußersten Norden Mosambiks, gut 50 Kilometer vom Nyassasee entfernt. Moderne Menschen haben die Höhle wahrscheinlich über mehrere Zehntausend Jahre als Unterschlupf genutzt. Davon zeugen neben Knochen, Zähnen und größeren Pflanzenresten auch Aberhunderte von Steinwerkzeugen.
Foto: University of Calgary
Der Forscher nahm 70 dieser Faustkeile, Schaber und Mörser genauer unter die Lupe. An den meisten fand er mikroskopisch kleine Stärkekörner, wie sie Pflanzenzellen als Kohlenhydratspeicher bilden. Ausgehend von der charakteristischen Form, stammen fast 90 Prozent der Körnchen von Sorghumhirsen, und zwar hauptsächlich aus dem Speichergewebe der Samen. Die übrigen Körnchen kommen unter anderem von Doumpalmen, deren Saft heute mitunter zur Herstellung von Palmwein genutzt wird, sowie von stärkereichen Faserbananen (Gattung Ensete) und Wildkartoffeln (Gattung Hypoxis).
Bislang sei man davon ausgegangen, dass Menschen erst nach dem Ende der letzten Eiszeit mit der Nutzung von Getreidesamen begonnen hätten, erklärt Mercader. Seiner Ansicht nach erfordern die neuen Resultate nicht nur eine deutliche Erweiterung dieses Zeitrahmens, sondern belegen auch “einen breiten und hochentwickelten Speiseplan”.
Forschung: Julio Mercader, Department of Archaeology, University of Calgary
Veröffentlichung Science, Vol. 326, 18. Dezember 2009, pp 1680-3, DOI 10.1126/science.1173966
WWW:
Julio Mercader, University of Calgary
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