Posted in: Medizin 8. Dezember 2009 13:56 Weiter lesen →

Ersatzgefühl in der Haut

Foto zeigt GänsehautZwei ungewöhnliche Patienten sind in einer schottischen Klinik vorstellig geworden. In ihrer Haut fehlen beinahe sämtliche Nervenfasern, die normalerweise Information über Hitze, Kälte, Berührung oder Schmerz an das Gehirn weiterleiten. Dennoch führen beide ein ganz normales Leben – vermutlich dank eines überraschenden Ersatzsystems.

Foto: Ralf Roletschek via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution Share Alike 3.0)

Die einzigen Nervenfasern in der Haut der Patienten zögen zu Blutgefäßen, Haarmuskeln und Schweißdrüsen, erklärt Frank Rice vom Albany Medical College im US-Bundesstaat New York. Bislang habe man angenommen, diese Nervenenden dienten ausschließlich der Kontrolle von Erröten, Gänsehaut und Schwitzen. „Ganz offenbar sind die einzigartigen Individuen jedoch in der Lage, mit diesen verbliebenen Nervenenden zu fühlen.“

Rice und Kollegen untersuchten Hautproben, die ihnen David Bowsher von der Universität Liverpool geschickt hatte. Das Gewebe stammte von zwei Personen, die wegen übermäßig starken Schwitzens bei dem Mediziner um Rat gesucht hatten. Bowsher fand, dass beide auf thermische, mechanische und schmerzhafte Hautreize nur schwach ansprachen.

Im Gegensatz zu anderen bekannten Fällen, bei denen das Schmerzempfinden vollständig ausgeschaltet ist, sind die zwei Patienten jedoch von unbeabsichtigten Selbstverletzungen verschont geblieben. Weitere Tests ergaben, dass sie noch über ein gewisses Gefühl für Berührungs-, Tast- und Hitzereize verfügen. Das ermöglicht es ihnen, die Hand von einer heißen Herdplatte zu nehmen, sich beim Kauen nicht selbst zu beißen und weiche von harten Oberflächen zu unterscheiden.

Rice und Kollegen behandelten das Gewebe mit Antikörpern, die an verschiedene Typen von Nervenfasern binden. Unter dem Mikroskop zeigte sich, dass diese Sonden in den Hautproben der Patienten kaum Ziele fanden, sehr wohl jedoch in Hautgewebe von Kontrollpersonen.

In mehreren Genen, die das Wachstum dieser Fasern kontrollieren, waren bei den Patienten allerdings keine Mutationen feststellbar, berichten die Forscher um Bowsher und Rice im Fachblatt „Pain“. Daher vermuten sie, dass das Fehlen der regulären sensorischen Nervenfasern auf eine besondere Empfindlichkeit gegenüber Umweltfaktoren zurückgeht.

Forschung: David Bowsher, Pain Research Institute, University of Liverpool; Frank L. Rice, Center for Neuropharmacology and Neuroscience, Albany Medical College, Albany, und Integrated Tissue Dynamics, Renssalaer, New York; und andere

Veröffentlichung Pain, Vol. 147(1-3), pp 287-98, DOI 10.1016/j.pain.2009.09.007

WWW:
Pain Research Institute, University of Liverpool
Center for Neuropharmacology & Neuroscience, Albany Medical College
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