Posted in: Biologie 3. Dezember 2009 18:00 Weiter lesen →

Evolution per Futterhäuschen

Meise am Vogelhäuschen Milde Winter und wohlmeinende Menschen haben eine rasche Reaktion der Evolution hervorgerufen. Das zeigen Untersuchungen deutscher und kanadischer Biologen an Mönchsgrasmücken in Süddeutschland. Obwohl ein Teil der Vögel erst seit einigen Jahrzehnten in England überwintert, zeigen sich in Körperbau und Erbgut bereits merkliche Veränderungen.

Foto: Rene Schmidt /Fotolia

Dazu zählen eine rundere Flügelform und ein kleinerer Schnabel als bei den „klassischen“ Spanien-Überwinterern, fanden die Forscher um Gregor Rolshausen und Martin Schaefer von der Universität Freiburg. Vermutlich handle es sich um erste Anpassungen an die kürzere Flugstrecke und an das besondere Nahrungsangebot in England, schreibt die Gruppe im Fachblatt „Current Biology“.

Im Jahr 1959 war bemerkt worden, dass einige der in Süddeutschland und Österreich brütenden Mönchsgrasmücken nicht mehr in Spanien überwintern, sondern in England. Mittlerweile liegt der Anteil der England-Zieher in der süddeutschen Population bei etwa zehn Prozent. Um mehr über diese Entwicklung zu erfahren, fingen und vermaßen Rolshausen, Schaefer und Kollegen einige Hundert Vögel und entnahmen ihnen zudem eine Blutprobe.

Die daran angestellten genetischen Vergleiche ergaben ebenfalls verblüffende Unterschiede: Gemessen an zehn, relativ frei mutierbaren Erbgutabschnitten, unterscheiden sich England- und Spanien-Zieher aus Süddeutschland stärker voneinander als Artgenossen, deren Brutgebiete 800 Kilometer auseinander liegen.

„Dies ist ein gutes Beispiel für die Geschwindigkeit, mit der die Evolution ablaufen kann“, so Schaefer. Nach Ansicht des Forschers und seiner Kollegen könnten die beobachteten Unterschiede mit der Zeit sogar noch deutlicher werden. Einerseits sei die Zugrichtung bei Mönchsgrasmücken genetisch festgelegt. Andererseits träfen die Rückkehrer aus England und Spanien zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Süddeutschland ein, sodass sie sich dort wohl überwiegend mit ihresgleichen paarten.

Forschung: Gregor Rolshausen, Gernot Segelbacher und H. Martin Schaefer, Lehrstuhl für Evolutionbiologie und Ökologie und Arbeitsbereich Wildtierökologie und Wildtiermanagement, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; Keith A. Hobson, Environment Canada, Saskatoon; und andere

Veröffentlichung Current Biology, Vol. 19, DOI 10.1016/j.cub.2009.10.061

WWW:
Arbeitsgruppe Martin Schaefer, Uni Freiburg
Sympatrische Artbildung
Evolution 101

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