Posted in: Anthropologie, Kultur, Mathematik, Psychologie 16. November 2009 14:18 Weiter lesen →

Robustes Gespür für Geometrie

Foto zeigt Hütte mit rundem Grundriss, darauf ein spitzkegeliges Dach, in einer trockenen Landschaft, blauer Himmel Wie gut Menschen verschiedene Formen unterscheiden können, hängt nicht davon ab, wie häufig sie damit in ihrem Alltag konfrontiert werden. Das haben amerikanische und englische Psychologen bei Versuchen mit Nomaden in Namibia ermittelt. Diese konnten geometrische Objekte ebenso gut auseinanderhalten wie kalifornische Großstädter.

Obwohl ihnen die Wörter fehlen, besitzen Himba geometrisches Gespür. Foto: Hans Hillewaert via Wikimedia.org (Creative Commons Attribution Share Alike 2.5)

Offenbar entwickle das menschliche Gehirn in beiden Umgebungen eine ähnlich Sensibilität für geometrische Eigenschaften, folgern Irving Biederman von der University of Southern California und seine Kollegen im Fachblatt „Psychological Science“. Wahrscheinlich arbeite der zuständige Lernmechanismus so robust, dass das Aufwachsen in einer Welt voller künstlicher, regelmäßig geformter Objekte in dieser Hinsicht keinen Vorteil bringe.

Biederman und Kollegen führten einen Teil ihrer Experimente im äußersten Nordwesten Namibias durch, mindestens eine Tagesfahrt von der nächstgelegenen Stadt entfernt. Im Alltag der dort lebenden Himba spielen maschinell gefertigte Objekte praktisch keine Rolle. Auch kennt ihre Sprache keine Ausdrücke für Kreis, Dreieck und andere geometrische Grundformen.

Insgesamt 25 Himba sowie 8 Studierende in Los Angeles nahmen an dem Experiment teil. Dabei sahen sie auf einem Laptop-Bildschirm drei geometrische Objekte, von denen zwei identisch waren. Das dritte unterschied sich von diesen beiden grundsätzlich oder graduell – etwa im Falle dreier Pyramiden mit ebenen oder nach innen gewölbten Seitenflächen oder dreier Zylinder mit unterschiedlich starken Wölbungen. Die Aufgabe lautete, das abweichende Objekt zu benennen.

Die Analyse mehrerer Tausend Versuchsdurchgänge ergab für Nomaden und Großstädter ähnlich hohe Trefferquoten. In beiden Gruppen verbesserten sich die Leistungen zudem ähnlich stark, wenn das dritte Objekt nicht nur graduell, sondern in einer vom Blickwinkel unabhängigen Eigenschaft abwich.

„Unter dem Strich unterscheiden sich die Himba also nicht von Menschen, die in der wohl künstlichsten Umgebung überhaupt leben, nämlich in Los Angeles“, folgern die Forscher. Spätestens jetzt müsse man auch die Schlussfolgerungen aus einem früheren Experiment revidieren, bei dem es zwei Himba nicht gelungen war, sich gegenseitig geometrische Figuren zu beschreiben. Das Scheitern liege offenbar in der Sprache begründet und nicht etwa im Sinn für Geometrie, so Biederman und Kollegen.

Forschung: Mark D. Lescroart und Irving Biederman, Department of Psychology, University of Southern California, Los Angeles; Xiaomin Yue, Center for Biomedical Imaging, Massachusetts General Hospital, Harvard Medical School, Boston; Jules Davidoff, Department of Psychology, Goldsmiths, University of London

Veröffentlichung Pschological Science, DOI 10.1111/j.1467-9280.2009.02465.x

WWW:
Image Understanding Lab, University of Southern California

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1 Kommentar zu "Robustes Gespür für Geometrie"

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  1. Bernie Wagner sagt:

    Sehr gute Studie.

    Und da gibt es bis heute immer noch Leute, die behaupten, eine/r könne nur erkennen, wofür eine/r verbale Begriffe habe?

    (mal ganz abgesehen von ebenfalls bis heute verbreiteten falschen Meinungen über die angeblich geringere Intelligenz von Menschen aus Afrika – wobei z.B. sicher Menschen, die seit ihrer Kindheit chronisch mangelernährt sind (was leider in Afrika heute sehr oft der Fall ist), bei diversen Tests anders abschneiden, als solche, die von Geburt an wohlgenährt sind, zuzüglich sprachlicher und (anderer) kulturspezifischer Verzerrungen vieler Tests)