Neugeborene schreien in ihrer Muttersprache
Donnerstag, 5. November 2009, 18:00 • Rubrik Psychologie.
Schon vor der Geburt lernen Babys ihre Muttersprache kennen und nutzen. Das haben Würzburger, Leipziger und Pariser Forscherinnen bei der Analyse von mehr als 1.200 Schreien wenige Tage alter Säuglinge entdeckt. Kinder französischer Eltern bevorzugen demnach eine ansteigende Schreimelodie, Kinder deutscher Eltern dagegen eine absteigende – entsprechend der jeweiligen Sprachmelodie.
Foto: Vivid Pixels /Fotolia
Ganz offensichtlich seien Neugeborene in der Lage, Schreie mit verschiedenen Melodien zu produzieren, und brächten diese Fähigkeit auch zum Einsatz, folgern Kathleen Wermke von der Universität Würzburg und ihre Kolleginnen. “Neugeborene sind vermutlich hochmotiviert, das Verhalten der Mutter nachzuahmen, um ihr zu gefallen und so die Bindung zu festigen”, schreibt die Gruppe im Fachblatt “Current Biology”.
Seit langem ist bekannt, dass Kinder im letzten Schwangerschaftsdrittel Klänge und Geräusche verarbeiten, die durch die Bauchdecke an ihr Ohr dringen. Die neuen Resultate zeigen, dass die im Mutterleib gesammelten Erfahrungen angewendet werden, lange bevor im Alter von drei Monaten die Fähigkeit zum Artikulieren erwacht.
Wermke und Kolleginnen analysierten Schreie, die je 30 Kinder einsprachig französischer und deutscher Paare beim Wickeln oder vor dem Stillen produziert hatten. Sie fanden, dass französische Kinder im Schnitt bei etwa 60 Prozent der Schreidauer die größte Tonhöhe erreichten, danach wurde der Schrei wieder dunkler. Bei deutschen Kindern war das Maximum dagegen schon bei etwa 45 Prozent der Schreidauer erreicht.
Einen ähnlich unterschiedlichen Verlauf nahm auch die Lautstärke, beobachteten Wermke und Kolleginnen. Allerdings waren die Kinder durchaus in der Lage, Tonhöhe und Lautstärke unabhängig voneinander zu variieren. Anders als neugeborene Menschenaffen, können menschliche Neugeborene ihren Kehlkopf also sehr früh unabhängig von der Atmung kontrollieren.
Forschung: Birgit Mampe und Kathleen Wermke, Zentrum für vorsprachliche Entwiclung und Entwicklungsstörungen, Poliklinik für Kieferorthopädie, Julius-Maximilians-Universität Würzburg; Angela D. Friederici, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig; Anne Christophe, Laboratoire de Sciences Cognitives et Psycholinguistique, Ecole Normale Supérieure/CNRS, Paris
Veröffentlichung Current Biology, Vol. 19, DOI 10.1016/j.cub.2009.09.064
WWW:
Poliklinik für Kieferorthopädie, Uniklinikum Würzburg
Abteilung Neuropsychologie, MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften
Le BabyLab, LSCP
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