Kafka spornt das Hirn an
16. September 2009 13:54 Drucken
Lehrer tun gut daran, ihre Schüler gelegentlich ins Schwimmen zu bringen. Diesen Schluss legen Versuche eines kanadisch-amerikanischen Forscherduos nahe. Nachdem die Teilnehmer einen verwirrenden Text von Franz Kafka gelesen hatten, suchte ihr Gehirn nach einem festen Halt – und fand ihn in den Regeln einer künstlichen Grammatik.
Foto: Francesco Melloni /Fotolia.com
Mit Information konfrontiert, die den eigenen Grundannahmen zuwiderlaufe, forsche das Gehirn in der Umwelt nach irgendeiner Art von Struktur, erläutert Travis Proulx von der University of California in Santa Barbara. Die neuen Versuche zeigten, dass diese Struktur nicht unbedingt in Zusammenhang mit dem Auslöser der “Bedeutungskrise” stehen müsse.
Proulx und sein Kollege Steven Heine von der University of British Columbia führten ihr Experiment mit 40 Studierenden durch. Eine Hälfte davon las zunächst eine Fassung der Kafka-Erzählung “Ein Landarzt”, deren Handlung mehrere Brüche und ein offenes Ende aufwies. Die andere Hälfte bekam eine stimmige, schlüssige Fassung vorgelegt. Danach absolvierten alle Teilnehmer einen Test, bei dem es um das unbewusste Lernen einer einfachen Buchstabengrammatik ging.
Hatten die Teilnehmer die absurde Erzählung gelesen, lagen die Zahl der von ihnen bearbeiteten Testaufgaben und die Trefferquote um rund 30 Prozent höher, berichten die Forscher im Fachblatt “Psychological Science”. Ähnliche Resultate lieferte ein zweiter Versuch, bei dem 53 Teilnehmer zunächst gegen oder für die Einheitlichkeit ihrer eigenen Persönlichkeit argumentieren mussten. Weitere Untersuchungen müssten nun zeigen, ob sich der Effekt auch auf das bewusste Lernen erstrecke, so Proulx.
Forschung: Travis Proulx, Department of Psychology, University of California, Santa Barbara, und Steven J. Heine, Department of Psychology, University of British Columbia, Vancouver
Veröffentlichung Psychological Science, Vol. 20(9), pp 1125-31, DOI 10.1111/j.1467-9280.2009.02414.x
WWW:
Self and Intergroup Relations Lab, UC Santa Barbara
Steven Heine, University of British Columbia
Ein Landarzt
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