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Vorausschauendes Sehen

Mittwoch, 26. August 2009, 14:07 • Rubrik Psychologie.

Auge Menschen sehen die Welt nicht unbedingt, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte. Das belegen Versuche eines schottisch-französischen Psychologenduos. Richteten die Teilnehmer ihren Blick auf eine Uhr mit einem sich rasch bewegenden Zeiger, lasen sie eine merklich verfrühte Uhrzeit ab.

Foto: valuavital /Stockxpert

“Dieses Resultat führt uns vor Augen, dass jeder Aspekt unserer Erfahrung vom Gehirn konstruiert ist”, erklärt Amelia Hunt von der University of Aberdeen. Während die Augen in Bewegung seien, entspreche die visuelle Wahrnehmung offenbar nicht ganz der Realität.

Nicht nur die Bewegung von Objekten, auch das ständige Springen des Blicks verändert das Bild auf der Netzhaut. Um zwischen echten und scheinbaren Bewegungen unterscheiden zu können, muss das Gehirn selbstverschuldete Veränderungen ausgleichen. Hinweise auf einen entsprechenden Mechanismus gibt es aus früheren Studien: Bei Augenbewegungen sprechen Nervenzellen im Sehsystem bereits an, noch bevor das entsprechende Objekt in ihren Wahrnehmungsbereich gerät.

Hunt und ihr Kollege Patrick Cavanagh von der Université Paris Descartes untersuchten diesen Effekt mit einem eleganten Experiment. Die Teilnehmer schauten zunächst auf einen Fixpunkt in der linken Hälfte eines Bildschirms. In der rechten Hälfte wurde eine Uhr dargestellt, deren einziger Zeiger pro Sekunde einen Umlauf absolvierte. Sobald ein Signal ertönte, sollten die Teilnehmer auf die Uhr schauen und die erste wahrgenommene “Uhrzeit” angeben. Währenddessen wurde ihre Blickrichtung mit einem Kamerasystem erfasst.

Die von den Teilnehmern registrierte Zeit lag um durchschnittlich 39 Millisekunden vor jenem Moment, in dem ihr Blick auf dem Ziffernblatt zur Ruhe kam, berichten Hunt und Cavanagh im “Journal of Vision”. Die Augenbewegung selbst dauerte insgesamt 42 Millisekunden – meist stammte die Wahrnehmung also noch aus einem Moment während des Wechsels der Blickrichtung oder kurz davor.

Wurde das Experiment abgewandelt, sodass sich die Uhr in den ruhenden Blickpunkt bewegte, nahmen die Teilnehmer die Zeigerposition dagegen leicht verspätet wahr. Da sich die Augen nicht bewegten, erfolgte auch keine Korrektur durch “Kopieren” alter Information in einen neuen Bereich des Sehfelds, folgern die Psychologen.

Forschung: Amelia R. Hunt und Patrick Cavanagh, School of Psychology, University of Aberdeen, Laboratoire Psychologie de la Perception, Université Paris Descartes, und Department of Psychology, Harvard University, Cambridge, Massachusetts

Veröffentlichung Journal of Vision, Vol. 9(9), Artikel 1, DOI 10.1167/9.9.1

WWW:
Der Artikel online
School of Psychology, University of Aberdeen
Laboratoire Psychologie de la Perception, Université Paris Descartes
Eye Movements
Efference Copy

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