Posted in: Psychologie 10. August 2009 13:02 Weiter lesen →

Muskeln helfen Mitfühlen

Eine Frau hält ein aufgeschlagenes Buch auf ihren Knien Gefühle sind keine reine Kopfsache, zeigen Experimente zweier niederländischer Psychologen. Schon beim Lesen emotional beladener Wörter wurde die Gesichtsmuskulatur ihrer Versuchsteilnehmer entsprechend aktiviert – und beeinflusste wiederum deren Stimmung.

Foto: Francesco Melloni /Fotolia.com

Wurde die Aktivierung der Muskeln mit einem einfachen Trick verhindert, blieb die Wirkung auf die Stimmung dagegen aus, beobachteten Francesco Foroni von der Freien Universität Amsterdam und Gün Semin von der Universität Utrecht. Offenbar könne die emotionale Information nur auf dem Umweg über den Körper ihre psychische Wirkung entfalten, folgern die beiden Forscher im Fachblatt „Psychological Science“.

Menschen ahmen laufend die Aktionen anderer Menschen nach – ein unwillkürliches Imitieren, dem Psychologen eine wichtige Funktion als „sozialer Kitt“ zuschreiben. Beispielsweise wird der für das Hochziehen der Mundwinkel verantwortliche Große Jochbeinmuskel automatisch aktiviert, sobald das Gegenüber lächelt. Foroni und Semin untersuchten nun, ob das bloße Lesen entsprechender Information ähnliche Effekte zeitigt.

Die beiden Forscher versahen 30 Studierende mit Hautelektroden, die die Aktivität des Großen Jochbeinmuskels und des für das Stirnrunzeln zuständigen Augenlidsenkers registrierten. Tatsächlich wurden die beiden Muskeln aktiviert bzw. deaktiviert, sobald die Teilnehmer Wörter wie „glücklich“, „lachen“ oder „ärgerlich“ lasen. Verben hatten einen stärkeren Effekt als Adjektive.

Das muskuläre Mitgehen hat Folgen, belegte ein Folgeversuch mit 164 Freiwilligen. Diese sahen auf einem Bildschirm für 30 Millisekunden – und damit nicht bewusst wahrnehmbar – eines der positiven bzw. negativen Wörter. Erwartungsgemäß fanden sie den nachfolgenden Cartoon mehr oder weniger lustig. Das galt allerdings nur, wenn sie während des Versuchs nicht einen Stift zwischen den Lippen halten mussten, um den Jochbeinmuskel zu blockieren.

Forschung: Francesco Foroni, Sociale Psychologie, Vrije Universiteit Amsterdam, und Gün R. Semin, Sociale en Organisatiepsychologie, Universiteit Utrecht

Veröffentlichung Psychological Science, Vol. 20(8), pp 974-80, DOI 10.1111/j.1467-9280.2009.02400.x

WWW:
Sociale Psychologie, Vrije Universiteit Amsterdam
Arbeitsgruppe Gün Semin. Universiteit Utrecht
Facial Feedback
Mimische Muskulatur

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Mimik verstärkt Emotionen
Wie Lachen ansteckt


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2 Kommentare zu "Muskeln helfen Mitfühlen"

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  1. 3vor10 | 11. August 2009 10:17
  1. M.S sagt:

    „Verben hatten einen stärkeren Effekt als Adjektive.“

    Dies ist für mich als Therapeut die wichtigste Aussage des Artikels.

    Für die Psychotherapie wäre es allerdings auch interessant, inwieweit Formulierungen mit Adjektiven mehr (oder weniger) ansprechen als Formulierungen mit substantivischen Umschreibungen eines Gefühls (das wird jedenfalls oftmals behauptet und von mir auch so empfunden).

    Einfaches, plattes Beispiel
    „Ich spüre das Glück“

    Ausserdem wäre interessant, ob das (wie ich vermute) auch umgekehrt funktioniert, also Aktivierung entsprechender Muskeln die Stimmungslage beeinflussen. Gibt es da entsprechende Studien?
    vs.
    „Ich bin (fühle) mich glücklich“.