Trügerische Finger
24. Juni 2009 08:01 Drucken
Die Finger werden als Indikator für körperliche und geistige Eigenschaften eines Menschen überschätzt. Diesen Schluss legt eine Studie zweier tschechischer Forscher nahe. Das Verhältnis der Längen von Zeigefinger und Ringfinger variiert demnach schon mit der Größe eines Individuums. Für Rückschlüsse auf Begabungen, die Krankheitsanfälligkeit oder gar sexuelle Vorlieben taugt es daher nur bedingt.
Foto: Jaroslav Flegr
Beispielsweise ist der Zeigefinger bei Männern meist etwas kürzer als der Ringfinger, während das Verhältnis bei Frauen ausgeglichener oder sogar umgekehrt ist. Dieser Unterschied spiegelt aber nicht allein hormonelle Faktoren wider, erläutern Lukáš KratochvÃl und Jaroslav Flegr von der Karls-Universität Prag im Fachblatt “Biology Letters”. Ein großer Teil der Variation erkläre sich bereits dadurch, dass Männer meist größer seien und größere Hände hätten als Frauen.
Dieser Allometrie-Effekt kann zu einer Überinterpretation führen, fanden die Forscher bei einer erneuten Analyse der Daten von mehreren Hundert Teilnehmern früherer Studien. Innerhalb einer Altersklasse steigt die Länge des Zeigefingers demnach linear mit der des Ringfingers. Rein rechnerisch startet der Zeigefinger allerdings mit einem Vorsprung, sodass das Längenverhältnis automatisch mit der absoluten Fingerlänge schrumpft.
In den letzten Jahren gab es einen regelrechten Boom bei Studien zum Fingerlängen-Verhältnis. Auslöser war eine Veröffentlichung im Jahr 1998, in der britische Forscher über eine Korrelation zwischen dem Längenverhältnis von Zeige- und Ringfinger und der Spermienzahl sowie dem Hormonhaushalt berichteten. Seitdem sind mehr als 300 Studien zu dem Thema veröffentlich worden, unter anderem von Flegr selbst.
“Wir behaupten nicht, dass die bisherigen Resultate zum Fingerlängen-Verhältnis falsch sind”, betonen KratochvÃl und Flegr. Die jeweiligen Schlussfolgerungen müssten jedoch mit Hilfe von Methoden, die auch die absolute Fingerlänge berücksichtigten, erneut überprüft werden.
Spätestens seit den 30er-Jahren wisse man um die Tücken beim Vergleich der Proportionen von Lebewesen, schreiben die Forscher. “Daher überrascht es, dass evolutionsbiologische und medizinische Studien häufig mit Verhältnissen wie etwa dem Body-Mass-Index oder dem Verhältnis von Taillen- und Hüftumfang arbeiten.”
Forschung: Lukáš KratochvÃl und Jaroslav Flegr, Katedra ekologie und Katedra filosofie a dÄ›jin pÅ™ÃrodnÃch vÄ›d, Univerzita Karlova v Praze, Prag
Online-Veröffentlichung Biology Letters, 24. Juni 2009, DOI 10.1098/rsbl.2009.0346
WWW:
Lukáš KratochvÃl, Jaroslav Flegr, Karls-Universität Prag
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