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Werkzeuge als Körperteile

Die Ferne greifen [1] Der Mensch ist auch deshalb so geschickt im Umgang mit Werkzeugen, weil er diese vorübergehend als Körperteile „adoptiert“. Diese Ansicht bekräftigen Versuche französischer Forscher. Nachdem die Teilnehmer mit einem mechanischen Greifer gearbeitet hatten, schien ihr Gehirn lang von einem verlängerten Arm auszugehen.

Foto: mr.jay /Fotolia

Dieses Resultat belege, dass das Körperschema, gewissermaßen das Bild des Körpers im Gehirn, durch Werkzeuggebrauch kurzfristig modifiziert werden könne, erklärt Alessandro Farnè vom staatlichen Forschungsinstitut INSERM in Lyon. Zwar sei man stets wie selbstverständlich von einer solchen funktionalen Plastizität ausgegangen. Belege dafür habe es jedoch nicht gegeben.

Farnè, seine Doktorandin Lucilla Cardinali und ihre Kollegen führten eine Reihe von Experimenten mit insgesamt 61 jungen Erwachsenen durch. Diese trainierten zunächst, mit einem 40 Zentimeter langen Greifer nach unterschiedlich großen Objekten zu langen. Dann absolvierten sie die gleichen Aufgaben ohne Greifer. Ihre Bewegungen konnten anhand von Infrarot-Leuchtdioden an Fingern und Handgelenk minutiös erfasst werden.

Nach dem Training bewegten die Teilnehmer den Arm, mit dem sie zuvor den Greifer bedient hatten, weniger behände als vor dem Training, berichten die Forscher im Fachblatt „Current Biology“. Die Bewegungen setzten zögerlicher ein, Beschleunigung und Geschwindigkeit waren leicht verringert. Und wurden die Teilnehmer an dem Arm berührt, nahmen sie den Reiz als einige Millimeter zu den Fingerspitzen verlagert wahr.

Diese Effekte blieben aus, wenn die Teilnehmer das Training ohne Greifer absolviert und dabei lediglich ein entsprechendes Gewicht am Handgelenk getragen hatten. Erschöpfungserscheinungen können die Veränderungen daher nicht erklären, so Cardinali. Vielmehr müsse das Werkzeug vorübergehend in das Körperschema integriert worden sein „und konnte daher bewegt und kontrolliert werden, als wäre es Teil des Körpers“.

Forschung: Lucilla Cardinali und Alessando Farnè, UMR-S 864, INSERM, Université Claude Bernard, und Hôpital Neurologique, Mouvement et Handicap, Hospices Civils de Lyon, Lyon; und andere

Online-Veröffentlichung Current Biology, Vol. 19, 23. Juni 2009

WWW:
Espace et Action, Lyon [2]

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Hirnstimulation verschiebt Körperbild [3]
Schattenhafte Körper-Erweiterung [4]