Neue Zweifel an “Depressions-Gen”

16. Juni 2009 22:00 Drucken

Eine junge FRau sitzt verzweifelt in einem dunklen Raum Psychische Erkrankungen haben häufig eine komplexe Vorgeschichte. Umso mehr Aufsehen erregte vor wenigen Jahren eine Studie, der zufolge ein einziges Gen die Anfälligkeit für eine schwere Depression beeinflusst. Diese Schlussfolgerung wird nun durch eine zusammenfassende Analyse amerikanischer Mediziner infrage gestellt.

Foto: Aldo Murillo /iStockphoto

Kathleen Merikangas vom National Institute of Mental Health und ihre Kollegen trugen für ihre Metaanalyse Daten aus der Originalstudie und 13 weiteren Arbeiten mit insgesamt 14.250 Teilnehmern zusammen. Darüber hinaus forderten sie zusätzliche Informationen von den jeweiligen Autoren an. Das ernüchternde Resultate ihrer Arbeit präsentieren sie im “Journal of the American Medical Association”.

Im Zentrum der Untersuchung steht das Gen mit der Kurzbezeichnung 5-HTT. Es trägt die Information für ein Transportprotein, das den Botenstoff Serotonin aus der Synapse zwischen zwei Nervenzellen entfernt und so dessen Wirkung unterbindet. Variationen in einer nahe gelegenen Kontrollregion im Erbgut führen dazu, dass das Gen unterschiedlich stark abgelesen und das Transportprotein in unterschiedlichen Mengen produziert wird. Dies könnte den Grundspiegel des “Glückshormons” Serotonin im Gehirn beeinflussen, so eine durch Untersuchungen an Affen untermauerte Vermutung.

Im Rahmen der ursprünglichen Studie waren 847 Personen zu ihrem Befinden im vergangenen Jahr und zu belastenden Episoden wie Tod des Partners, Scheidung oder Verlust des Arbeitsplatzes befragt worden. Bei gut einem Sechstel wurde rückblickend eine Depression diagnostiziert. Die statistische Analyse ergab, dass das Erkrankungsrisiko mit der Zahl belastender Episoden stieg und dass die Stärke dieses Effekts zunahm, wenn die Teilnehmer von einem oder gar von beiden Elternteilen die aktivere Variante der Kontrollregion geerbt hatten. Von den Folgestudien mit höchst unterschiedlich zusammengesetzten Teilnehmergruppen hatte nur etwa jede zweite diese Wechselwirkung replizieren können, mitunter wurde sogar der entgegengesetzte Effekt gefunden.

Zumindest der Einfluss der belastenden Episoden wird durch die neue Metaanalyse bestätigt. Die Wechselwirkung von Umwelt und Genvariante dürfte jedoch, wenn sie überhaupt besteht, so schwach sein, dass sie bei den bisherigen Untersuchungen nicht verlässlich nachweisbar war, folgern Merikangas und ihre Kollegen.

Die möglichen Konsequenzen solcher Fehlschlüsse könnten durchaus bedenkenswert sein, schreiben die Mediziner. Von den Kosten der Folgeuntersuchungen abgesehen, gebe es bereits Bestrebungen, diesen und weitere mutmaßliche genetische Einflüsse in Form von Tests – nicht nur für die klinische Praxis – zu vermarkten.

Forschung: Neil Risch, Institute for Human Genetics, University of California at San Francisco, und Kaiser Permanente Northern California, Oakland; Richard Herrell, Thomas Lehner und Kathleen Ries Merikangas, Genetic Epidemiology Research Branch, National Institute of Mental Health, Bethesda, Maryland

Veröffentlichung JAMA, Vol. 301(23), pp 2462-71

WWW:
Mood and Anxiety Disorders Program, National Institute of Mental Health
Kompetenznetz Depression
The Gene for Susceptibility to Depression?
5-HTT

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Genvariante beeinflusst Risiko für Depression
Genetische Verbindung zwischen Stress und Depression


Kommentare und Trackbacks

4 Kommentare to “Neue Zweifel an “Depressions-Gen””

  1. 3vor10 zu 17. Juni 2009 10:08

    (Trackback) Stagnierende Körpergrößen, Interaktions- und Kommunikationsforschung, Zweifel an “Depressions-Gen”…

  2. Quasipresseschau 228 | NIGHTLINE zu 17. Juni 2009 20:33

    [...] Neue Zweifel an “Depressions-Gen” Psychische Erkrankungen haben häufig eine komplexe Vorgeschichte. Umso mehr Aufsehen erregte vor wenigen Jahren eine Studie, der zufolge ein einziges Gen die Anfälligkeit für eine schwere Depression beeinflusst. Diese Schlussfolgerung wird nun durch eine zusammenfassende Analyse amerikanischer Mediziner infrage gestellt. [...]

  3. Linda zu 18. Oktober 2009 11:10

    Studien stimmen immer für den, der sie bezahlt!
    Das ziehlt fast alles nur drauf Chemikalien zu verhökern, wenn sogar Nobelpreise jetzt vom Pharmakon gesponsert sind habe ich nicht mehr Vertrauen in Wissenschaft… Mein Apotheker sagte, dass ihm die so genannten Studien so was von gegen den Strich gingen! Es sind viele Mitmäuler bei der Arbeit.
    LG.

  4. Quasipresseschau 228 « Global Posts zu 26. Oktober 2009 14:56

    [...] Neue Zweifel an “Depressions-Gen” Psychische Erkrankungen haben häufig eine komplexe Vorgeschichte. Umso mehr Aufsehen erregte vor wenigen Jahren eine Studie, der zufolge ein einziges Gen die Anfälligkeit für eine schwere Depression beeinflusst. Diese Schlussfolgerung wird nun durch eine zusammenfassende Analyse amerikanischer Mediziner infrage gestellt. [...]

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